Letztes Update am Fr, 18.01.2019 11:15

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


ESM-Chef Regling: „Brexit stellt kein Risiko für Eurozone dar“



Wien (APA) - Ein Austritt Großbritanniens aus der EU, der sogenannte Brexit, stelle für die Eurozone bzw. den Euro kein Risiko dar, so der Chef des permanenten Eurorettungsschirmes ESM, Klaus Regling, in einem am Freitag ausgestrahlten Interview mit dem Ö1-Wirtschaftsmagazin „Saldo“. Man wisse zwar nicht, was im Nicht-Euroland Großbritannien passiere, aber der Euro sei deswegen nicht zu schützen.

Der Top-geratete ESM müsse im Falle eines Brexit auch mit keinen Risikoaufschlägen rechnen. Die Unsicherheit sei bereits seit der Abstimmung in Großbritannien da und auch damals habe man keine negativen Auswirkungen auf Spreads und Zinsen gesehen. „Ich sehe keine strukturelle Verschlechterung für uns wegen des Brexit“, so Regling.

Der ESM-Chef glaubt auch nicht, dass die Wirtschaft am Kontinent vom Brexit so stark betroffen sein wird, dass der ESM eingreifen müsste. „Wirtschaftlich wird es vor allem ein Problem für Großbritannien selbst sein.“ Es sollte insgesamt zu keiner wirtschaftlichen Krise führen.

Die Lage in Großbritannien sei derzeit sehr unübersichtlich. Auch wenn es für den Euro keine direkten Konsequenzen aus dem Brexit gebe, wäre der ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus) indirekt von Turbulenzen auf den Finanzmärkten betroffen, da er täglich am Markt sei, so Regling. Die Finanzierungsgesellschaft der Währungsunion verwaltet über 700 Mrd. Euro, legt Anleihen auf und vergibt günstige Hilfskredite mit Reformauflagen.

Die größte Herausforderung für den ESM bestehe derzeit darin, sein erweitertes Mandat umzusetzen. In den nächsten Jahren sehe er keine Notwendigkeit, eines der Kreditinstrumente für Länder einsetzen zu müssen, die den Marktzugang verloren hätten. „Das ist gut so, das zeigt, dass wir aus der Krise herausgekommen sind“, sagte Regling. „Aber es ist gut, immer vorbereitet zu sein.“

Der Euro selbst sei jedenfalls sicherer als vor zehn Jahren, als die letzte große Finanzkrise aus den USA kommend ausgelöst wurde. Der Euro könne in eine Rolle hineinwachsen, die bedeutsamer sei. In Zukunft werde es drei oder vier Währungen geben, die gleichberechtigt nebeneinander agieren, so Regling.

Unter den fünf Krisenländern, die vom ESM unterstützt wurden, sei Griechenland immer der schwierigste Fall gewesen, meinte Regling. Daneben haben Irland, Portugal, Spaninen und Zypern ESM-Gelder bekommen. Den hohen Schuldenstand Athens hält Regling für finanzierbar, nicht zuletzt, weil die Hälfte davon in diversen Rettungsschirmen mit geringer Verzinsung liege. Griechenland bekommt kein neues Geld mehr. Nächste Woche werde es wieder eine Überwachungssitzung geben. „Wir schauen genau hin, ob alle Reformen und Zusagen eingehalten werden“, so Regling. Ziel sei es, das Wachstum des Landes zu stärken.

Zu den erweiterten Aufgaben des ESM wird auch seine Funktion als Sicherheitsnetz für den gemeinsamen europäischen Bankenabwicklungsfonds zählen. Dieser werde genug Geld haben, bei großen Krisen werde vom ESM zusätzliches Geld zur Verfügung stehen.

Die noch nicht beschlossene gemeinsame Einlagensicherung hält Regling für durchaus sinnvoll. „Dann entfällt der Grund für einen nationalen Bankrun“, so der ESM-Chef.




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