Letztes Update am Sa, 19.01.2019 15:36

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kosovarischer Präsident: Gebietsaustausch mit Serbien für EU-Beitritt



Wien (APA) - Der kosovarische Präsident Hashim Thaci sieht die Pläne für einen Gebietsaustausch mit Serbien als beste Möglichkeit, den EU- und NATO-Beitritt voranzutreiben. „Das Abkommen wird mehr Stabilität und Frieden in der Region schaffen. Für den Kosovo würde das die Aufnahme in die EU und in die NATO ermöglichen, ebenso wie für Serbien“, sagte Thaci am Samstag im Gespräch mit der APA in Wien.

Der Kosovo wird von Serbien nicht als unabhängiger Staat, sondern als Teil des eigenen Staatsgebiets angesehen. Neben weltweit rund achtzig Ländern erkennen auch die EU-Staaten Spanien, Griechenland, Zypern, Rumänien und die Slowakei den Kosovo als Staat nicht an, mehr als 100 Staaten tun dies. Um der NATO oder der EU beitreten zu können, muss der Kosovo von allen jeweiligen Mitgliedsländern als unabhängiger Staat anerkannt sein.

„Es wird keine monoethnische Grenze geben, beide Länder werden multiethnisch sein“, erklärte der einstige Mitbegründer der paramilitärischen „Befreiungsarmee des Kosovo“ (UCK), die für die in den 90er Jahren für die Abtrennung des Kosovo von Serbien kämpfte. Die Spannungen im Norden Kosovo seien mit ein Grund dafür, bald ein Abkommen mit Serbien abzuschließen. „Ein solches Abkommen bedeutet, dass es nie wieder einen Krieg zwischen den beiden Ländern gibt. Die Menschen werden ein besseres Leben haben, denn durch das Abkommen wird sich die wirtschaftliche Lage verbessern, es werden mehr Arbeitsplätze geschaffen und die Grenzen werden geöffnet“, führte Thaci aus. Vorbild sei „das europäische Modell“. 90 Prozent der Einwohner des Kosovo sind ethnische Albaner, im Nordkosovo dominieren jedoch die Serben.

Die Chancen für ein erfolgreiches Abkommen seien so gut wie nie zuvor, denn die EU und die USA unterstützten die Pläne. „Ein Novum ist, dass auch Russland bereit wäre, ein Abkommen zu akzeptieren, das von beiden Seiten gutgeheißen wird“, sagte der Präsident. Es sei darum wichtig, dieses „Momentum zu nutzen, um ein Abkommen zu erzielen, das ausgewogen ist und die Interessen beider Länder berücksichtigt“. „In der Vergangenheit gab es eine so große Bereitschaft nicht. Wenn wir diese Chance nicht nutzen, dann wird uns unsere Bevölkerung die kommenden Jahrzehnte dafür verdammen“, fuhr er fort. Während der Westen großteils die Unabhängigkeit des Kosovo unterstützt, ist Russland Verbündeter Belgrads.

Das Abkommen soll aber nicht nur den Grenzverlauf neu regeln. „Es geht nicht nur spezifisch um den Gebietsaustausch, sondern auch um alle andere Aspekte“, erläuterte Thaci. „Dieser Vertrag soll ein umfassendes Abkommen werden, das auch andere Fragen behandelt, wie die der im Jugoslawienkrieg vermissten Personen, die noch immer nicht heimgekehrt sind“, führte er aus. Man wolle so „das kulturelle Vermächtnis der Serben im Kosovo regeln“. Zudem gehe es auch um die wirtschaftliche Entwicklung und „jene Themen, die zwischen Kosovo und Serbien noch offen sind“. „Das Abkommen soll das Problem endgültig lösen und keine vorübergehende Lösung sein, zu der man dann wieder zurückkehren muss“, unterstrich Thaci.

Die Vorwürfe, sich für einen großalbanischen Staat einzusetzen, wies Thaci zurück. „Es wird weder ein Großalbanien noch einen Großkosovo geben. Stattdessen streben wir die Integration der Region in den gesamteuropäischen Raum an“, betonte er.

Die im Dezember beschlossene Gründung einer eigenen kosovarischen Armee, die von Serbien massiv kritisiert wurde, verteidigte der Präsident. „Das ist eine gerechtfertigte Entscheidung eines souveränen Staates, ich habe nach dem Willen der Bevölkerung des Kosovo entschieden“, unterstrich Thaci. Die Armee sei „multiethnisch“ und solle „gemeinsam mit anderen Ländern, wie Serbien und anderen Gemeinschaften in der Region, den Frieden sichern“. „Unser Fehler war, dass wir zu lange dafür gebraucht haben. Das war schon längst fällig“, betonte er.

(Das Interview führte Martin Auernheimer/APA)




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