Letztes Update am Di, 05.02.2019 11:49

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


100 Jahre „National Circus Knie“ - Bruderzwist und harte Witwen



Bern/Wien (APA/sda) - Ein Zelt auf Schulden machte vor 100 Jahren aus der zugewanderten österreichischen Seiltänzer-Truppe Knie den „National Circus Gebrüder Knie“. Ein Zelt zum Nulltarif liegt passenderweise nun zum Geburtstag auf dem Gabentisch. Das gefällt nicht allen.

„Größenwahnsinnig!“, seufzte die früh verwitwete Zirkusdirektorin Marie Knie-Heim und verwarf die Hände. Kaum war der Erste Weltkrieg vorbei, wollten ihre fünf Söhne ein Zelt mit 2.500 Plätzen anschaffen, um aus der „Knie Arena“ einen „National Circus“ zu machen.

Mit der Arena, mit der davor drei Generationen durch die deutschsprachigen Lande getingelt waren, war das unternehmerische Risiko überschaubar gewesen: eine Bühne, ein Hoch- und ein Schlappseil, Artisten und Akrobaten, vornehmlich aus der Familie, und drum herum Sitzbänke. Mit Geschäftssinn und Geiz - Marie schmuggelte ihre Kinder jeweils unterm Rock ins Hotel - erwirtschaftete die Witwe angeblich die erste Million der Knie-Dynastie.

Aber im Sommer 1919 verweigerte die Säckelmeisterin ihrer „größenwahnsinnigen“ Jungmannschaft die Gefolgschaft. Also erwarben die Söhne ein Zelt auf Schulden - und verletzten damit eine eiserne Familienregel: Seit den aus Österreich eingewanderten Knies 1866 in Solothurn das Bürgerrecht vorenthalten worden war, weil angeblich noch eine Steuerrechnung offen war, lautete die Devise: „Keine Schulden!“. Seit 1900 waren die Knies zwar Bürger von Gerlikon, das Gebot der Rechtschaffenheit galt aber natürlich immer noch.

Und schon bald waren die Knies wieder schuldenfrei. Denn das Publikum rannte ihnen buchstäblich die Bude ein. Vor der Premiere am 14. Juni 1919 auf der Berner Schützenmatte brachen die beiden Kassa-Häuschen unter dem Ansturm der Zuschauer zusammen. Die beiden Billettverkäuferinnen - Frauen von Fredy sen. und Rolf sen., geheiratet bei einer Doppelhochzeit - konnten sich gerade noch retten.

Bald zeigten Friedrich und Karl Knie zum ersten Mal Pferde und Elefanten. Sie bestritten jeweils zusammen mit Bruder Eugen den größten Teil des Programms. 1940 starb Karl, 1941 Friedrich. Fredy und Rolf, die 1920 und 1921 geborenen Söhne von Friedrich und Margrit Knie, übernahmen zusammen mit Onkel Eugen die Leitung des Unternehmens. 1962 gründeten sie den Kinderzoo in Rapperswil, wo der Zirkus seit 1925 sein Winterquartier hat.

Aus der Ehe von Fredy sen. mit Pierrette Dubois stammen die Söhne Fredy jun. (geboren 1946) und Rolf jun. (1949). Rolf sen. hat zusammen mit Tina di Giovanni die Söhne Louis (1951) und Franco (1954). Ende 1992 übergaben die beiden Senioren Fredy und Rolf die Leitung an Fredy jun. und Franco.

Schon 1983 brach Rolf jun. eine vielversprechende Karriere als Clown ab und fand zunächst als Maler ein breites Publikum. 2002 kehrte er in die Familienbranche zurück und gründete mit seinem Sohn Gregory den Wintercircus „Salto Natale“ und 2011 den erotischen Zirkus „Ohlala“, beides mit Erfolg.

Weniger Glück hatte Rolfs Cousin Louis, ebenfalls ein Familienflüchtling. Er verließ das Stammhaus zusammen mit Frau Germaine und Sohn Louis jun. 1993, übernahm den Österreichischen Nationalcircus und ging 2005 Pleite. Im selben Jahr gründete Sohn Louis jun. in Österreich seinen eigenen Circus, der immer noch existiert.

Ganz entgegen der Familientradition, welche stets diskret mit den immer wieder vorkommenden Bruderzwisten umging, trug Louis sen. seinen Unmut an die Öffentlichkeit. Als er in einer Zeitung las, sein Bruder Franco habe ein Vermögen von 17 Millionen Franken (14,88 Mio. Euro), fühlte Louis sich über den Tisch gezogen: Er hatte nur 3,5 Millionen Franken Abfindung bekommen.

Im Stammhaus stehen mittlerweile mit (unter anderen) Geraldine-Katharina, der Tochter von Fredy jun. sowie ihren Kindern Ivan und Chanel und dem Neffen Chris Rui, die Generationen sieben und acht in der Manege.

Zum 100. Geburtstag ließen sich die Knies als Geschenk vom Publikum ein neues Zelt per Crowdfunding sponsern. Ein Aufschrei ging durch Leserbriefspalten und Internet: Die hätten doch weiß Gott genug Geld, um die 250.000 Franken (219.000 Euro) selber aufzubringen, so der Tenor. Aber für die Knies war es nicht eine Sache des Geldes, sondern der Kundenbindung.

Eins aber ist sicher: Die sparsame Urururgroßmutter Marie wäre begeistert gewesen von diesem Finanzierungsmodell.




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