Letztes Update am Fr, 08.02.2019 10:22

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ehekrise als „Geistergeschichte“: Neuer Roman von Laura Freudenthaler



Wien (APA) - Thomas ist ein viel arbeitender, erfolgreicher Kulturmanager, seine aus Frankreich stammende Partnerin Anne eine Pianistin, die sich eine einjährige Auszeit vom Unterrichten nimmt, um sich wieder auf das eigene Klavierspiel zu konzentrieren und ein Lehrbuch zu schreiben. Keine Geldsorgen, keine Krankheiten. Es könnte alles wunderbar sein. Ist es aber nicht.

Laura Freudenthaler erzählt in ihrem neuen Roman, der am Dienstag in der Österreichische Gesellschaft für Literatur in Wien präsentiert wird, mit großer Intensität die Geschichte einer Entfremdung. In der gemeinsamen Wohnung lebt das Paar nicht mehr mit-, sondern nur noch nebeneinander. Sie teilen weder Tisch noch Bett, suchen nur noch selten das Gespräch. Geredet wird nicht mehr viel, gefühlt sehr wohl. Die Anwesenheit einer Rivalin ist für Anne geradezu körperlich spürbar. „Das Mädchen“, von dessen Existenz sie weiß, ohne wirkliche Beweise dafür zu haben, drängt sich in ihr Leben. Aus der Beziehungskrise wird eine „Geistergeschichte“.

Die 1984 geborene und in Wien lebende Salzburgerin setzt mit dieser „Geistergeschichte“ fort, was sie mit dem Erzählband „Der Schädel von Madeleine. Paargeschichten“ (2014) und dem Roman „Die Königin schweigt“ (2017) begonnen hat. Sie widmet sich auch diesmal einem gar nicht so außergewöhnlichen Frauenleben, macht es aber durch die Art, wie sie davon erzählt, zu etwas Besonderem. Ganz genau horcht Freudenthaler in ihre Protagonistin hinein, in diffuse und widerstrebende Gefühle, allmählich sich durchsetzende Erkenntnisse, langsam reifende Entschlüsse. Gleichzeitig dreht sie den psychischen Ausnahmezustand einen kleinen Tick weiter, schafft eine Spannung zwischen Realität und Imagination. Und begibt sich in aller Ruhe auf die Suche nach den richtigen Worten dafür.

So gelingt Laura Freudenthaler das erzählerische Kunststück, aus dem Auseinanderdriften zweier Menschen, über die sie wenig genug wirklich greifbare Angaben macht, eine Dreiecksgeschichte zu bauen, die immer konkretere Konturen erhält. Das Smartphone ihres Mannes nimmt Anne dabei als Trojanisches Pferd wahr, über das „das Mädchen“ Zugang zu ihrer Wohnung erhält, aus Rechnungen, die sie aus Thomas‘ Anzug- und Manteltaschen fischt, konstruiert sie sich eine Parallelwelt, die den eigenen Raum immer enger zu machen droht, und in der sie ihrerseits als „Frau ohne Namen“ in der Fantasie ihrer Rivalin einen Platz beansprucht.

Wo die Sprache versiegt, arbeiten die Bilder ungehindert weiter. Das zeigt Freudenthaler in ihrer „Geistergeschichte“, ohne in Richtung Horror oder Psychothriller abzudriften. Anne rastet nicht aus. Ihr logisches Denken verliert sie nicht. Als sie sieht, dass Thomas sie mehrmals angerufen und ihr eine „Ruf mich an“-Nachricht geschickt hat, denkt sie zuerst: Er will ausziehen, will die Scheidung, hatte einen Unfall, hat Krebs. Dann beruhigt sie sich und hakt cool nacheinander alle Möglichkeiten ab. In all diesen Fällen hätte er wohl nicht angerufen. Wird also schon nicht so schlimm gewesen sein...

(S E R V I C E - Laura Freudenthaler: „Geistergeschichte“, Literaturverlag Droschl, 168 Seiten, 20 Euro; Buchpräsentation: 12. Februar, 19 Uhr, Österreichische Gesellschaft für Literatur in Wien)




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