Letztes Update am Mo, 11.02.2019 09:17

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Alltäglicher Schrecken: Erzählungen von Clemens J. Setz



Wien (APA) - Wenn die Angst einen packt, ist man buchstäblich aus der Bahn geworfen. Wie macht man aber anderen begreiflich, dass dies für einen der Dauerzustand ist und die Liste der angstlindernden Dinge („der Anblick von Auberginen oder Tomaten, überhaupt runde Sachen, und überhaupt Obst...“) erschreckend kurz ist? „Der Trost runder Dinge“ ist nichts gegen den Schrecken, den die restliche Welt bereithält.

„Der Trost runder Dinge“ heißt ein heute erscheinender Band mit 20 Erzählungen von Clemens J. Setz, der sich mit diesem Buch erneut als Virtuose des Unheimlichen erweist. Schon die eingangs beschriebene Konstellation ist doppelt fies: Nicht nur ist der Protagonist und Alleinerzieher Michael Zweigl von entsetzlichen Angstschüben geplagt, sondern er wünscht sich nichts sehnlicher, als dass zumindest einer seiner beiden Söhne ebenfalls darunter leiden möge. Dann würde er sich nämlich nicht mehr gänzlich unverstanden fühlen. „Geteiltes Leid“ lautet daher der Titel der Erzählung. Doch das Unbehagen ist unteilbar.

Der Grazer Autor, der häufig seine Heimatstadt als Schauplatz des Geschehens ausweist, hat verschiedene Varianten auf Lager, die Normalität in Schieflage zu bringen. Mal wird das Absonderliche in aller Ruhe als das Selbstverständliche geschildert, mal gerät das sorgsam ausbalancierte Leben allmählich ins Kippen. Gerne spannt Setz seine Leser auch auf die Folter und lässt sie auf die Auflösung einer Geschichte warten: Wann kommt der Knalleffekt? Wie wird er aussehen? Oder wird er ausbleiben und dadurch erst recht Unbehagen verursachen? Manchmal findet der Autor besonders großen Gefallen an einer Idee. Das lässt den Text dann länger werden als ihm gut tut.

Auch, wenn Intention und Bauart seiner Erzählungen recht durchschaubar wirken - an Einfällen ist Clemens J. Setz nicht verlegen. Ein Grundmotiv ist etwa das Schildern von sozialen Auswirkungen körperlicher Behinderungen. Dann sorgt ein Klassenfoto mit einem in einem kastenförmigen Behältnis aufbewahrten Mitschüler („Er nimmt am Leben teil, auf seine Weise“, sagt die Direktorin) bei Eltern für Irritationen, oder bekommt ein nach einem Unfall schwer beeinträchtigter Sohn von der Umwelt nur die von seiner Mutter bestellten Callboys zu sehen. Der Besuch bei seiner blinden Geliebten stürzt ihren Freund in ein ungewöhnliches Dilemma: Weiß sie von den vielen Schimpfworten, die die Wände ihrer Wohnung überziehen? Handelt es sich um einen verqueren Test oder eine Hinterlassenschaft des früheren Freundes?

Mit einem irritierenden Sternbild, das niemand mehr aus seinem Kopf bringt, hat er es erst einmal wahrgenommen, begegnet man einem bereits einmal verwendeten Motiv des Autors wieder. Man darf sich ausmalen, wie das Fabelwesen Or aussieht, das von einem Protagonisten auf einen Ausflug nach Norwegen mitgenommen wird und offenbar viel Fürsorge benötigt. Man verfolgt mit zunehmender Verwunderung scheinbar normalen Verhaltensweisen einer gekündigten Schulkrankenschwester oder eines Mannes, der das Haus, in dem er einst aufgewachsen ist, noch einmal sehen will, und weiß doch: Etwas ist daran faul...

Eine Ahnung davon, wie viele mögliche Parallelwelten sich unentdeckt neben dem uns normal scheinenden Lauf der Dinge verbergen können, gibt Setz in der ersten Erzählung des Bandes. Ein Autor bricht zu einem Literaturfestival auf. „Lauter Österreicher in den Bergen Kanadas. Und lesen einander da Dinge vor.“ Norbert Gstrein wird auch da sein. Doch am Flughafen gibt es Verzögerungen. Alles beginnt zu verrutschen. Ein Ausnahmezustand tritt ein. Während man vom Rest der Menschheit bereits hoch über dem Ozean vermutet wird, sind die Passagier in einer Zeitblase am Boden zum Warten verdammt. Endlich geht‘s los, doch die Maschine rollt wieder zurück. Alles aussteigen und auf das nächste Flugzeug warten! Dem Autor reicht es. Er bricht den Flug ab, ehe er ihn begonnen hat, und kehrt unvermutet heim. Zu erraten, was ihn dort erwartet, dafür braucht es tatsächlich viel Fantasie...

(S E R V I C E - Clemens J. Setz: „Der Trost runder Dinge - Erzählungen“, Suhrkamp Verlag, 320 Seiten, 24,70 Euro)




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