Letztes Update am Di, 12.02.2019 06:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nigeria - Experte sieht große Fortschritte im Kampf gegen Boko Haram



Wien/Abuja (APA) - 2015 trat Nigerias Präsident Muhammadu Buhari mit dem Versprechen zur Wahl an, die Terrorgruppe Boko Haram zu besiegen. Erreicht hat er dieses Ziel bei Weitem nicht, doch konnte die Regierung seither „erhebliche Fortschritte“ im Kampf gegen die Islamisten erzielen, erklärt Christian Wessels, der seit zehn Jahren in Nigeria lebt und seit einiger Zeit die dortige Regierung berät, im APA-Gespräch.

Durch die Attacken von Boko Haram wurden in fast zehn Jahren mehr als 27.000 Menschen getötet. 1,8 Millionen Menschen sind auf der Flucht. In den vergangenen Jahren sei es gelungen, den Einfluss von Boko Haram „deutlich einzudämmen“, der Terrormiliz sei es in den vergangenen Jahren deutlich schwerer gefallen, Rückzugsorte zu finden, sagt der deutsche Unternehmer. Allerdings lasse sich der Konflikt langfristig und nachhaltig nicht lösen, „so lange es keine Perspektive für die Menschen gibt“, betont er. Das Grundproblem in Nigeria ist nach Wessels Ansicht nicht ein Religionskonflikt, sondern „die große Armut“.

Speziell der Norden, von dem aus Boko Haram operiert, ist verarmt. Laut dem Center For Global Development (CGD) stieg die Armutsrate zwischen 1980 und 2010 um mehr als 150 Prozent. Lagen 1980 Nord und Süd noch gleichauf, war die Armutsrate 2010 im Norden um rund ein Viertel höher. „Die große Armut im Norden macht vor allem die jungen Menschen empfänglich für Boko Haram“, so Wessels. Es brauche mehr Ausbildungsplätze, Investitionen in Aus-und Weiterbildung. Die Zustände in den Schulen seien „katastrophal“.

Auch in der Politik und damit bei den bevorstehenden Präsidenten- und Parlamentswahlen am 16. Februar, spielt die Nord-Süd-Spaltung eine gewisse Rolle. Amtsinhaber Buhari, der selbst aus dem nördlichen Teilstaat Katsina stammt, genießt vor allem im Nordosten des Landes noch immer starke Unterstützung. Wessels glaubt jedoch, dass Buharis Hauptherausforderer, der frühere Vizepräsident Atiku Abubakar von der oppositionellen People‘s Democratic Party (PDP) gewinnen wird. „Ich denke, es wird zu einem Machtwechsel kommen, weil es doch eine gewisse Unzufriedenheit gibt“, begründet der Auslandsdeutsche.

Grundsätzlich sieht Wessels, der 2017 sein eigenes Unternehmen in Nigeria gründete, aber eine „sehr positive“ Stimmung. Im gesamten Land gebe es eine „starke wirtschaftliche Entwicklung“. Er selbst setzt mit seiner Firma „Sunray Ventures“ in dem bevölkerungsreichsten Land auf Solarenergie.

Weil es keine flächendeckende Stromversorgung gibt - von den Unternehmen verfügen Wessels Angaben zufolge nur 20 bis 25 Prozent regelmäßig über Strom - ortet er hier „großes Potenzial“. Denn ohne Strom sei es schwierig, die Wirtschaft aufzubauen. Derzeit seien viele Firmen auf Dieselgeneratoren angewiesen, Sonnenenergie sei aber billiger und nachhaltiger.

Von Europa fordert Wessels in Sachen Wirtschaftspolitik die Beseitigung von Handelshemmnissen - „in beide Richtungen, wenn Waren eingeführt werden, aber auch, wenn sie ausgeführt werden“. Auch seien mehr ausländische Investitionen notwendig. Derzeit hätten viele Investoren „Angst, dass ihr Geld hier in Afrika nicht sicher ist“. Das liege auch an dem schlechten Bild, das von Afrika gezeichnet wird, bemängelt der Geschäftsmann. „Wir leben hier normal, aber natürlich gibt es große Defizite.“

Heftige Kritik übt Wessels an den EU-Afrika-Beziehungen, die in der Vergangenheit von einer „starken ideologischen Verblendung und einer gewissen Überheblichkeit“ geprägt gewesen seien. Das Problem sei das „Nicht-Ernstnehmen des Kontinents“. „Ein Großteil der Europäer, die nach Afrika kommen, erwarten außerdem häufig kurzfristige Erfolge, es fehlt den Unternehmen oft an einer langfristigen Perspektive“, betont er und plädierte für einen Weg weg von klassischer Entwicklungshilfe, hin zu wirtschaftlicher Zusammenarbeit und Partnerschaft.

(Das Gespräch führte Christina Schwaha/APA.)

ZUR PERSON: Der gebürtige Deutsche Christian Wessels arbeitet seit 10 Jahren in Nigeria, zunächst für die britische Barclays Bank. 2017 gründete er sein eigenes Unternehmen „Sunray Ventures“ und beschäftigt derzeit etwa 100 Mitarbeiter in zwei Unternehmen. „Daystar Power“ ist ein Unternehmen für erneuerbare Energien (Daystar Power), „Green Compass Recycling“ beschäftigt sich mit Elektroschrott-Recycling. Seit rund dreieinhalb Jahren ist Wessels ehrenamtlich als Berater der Regierung Buhari tätig. Aktuell ist er auch Direktor der EBO (European Business Organisation) in Nigeria und vertritt damit auch österreichische Unternehmen in dem Land.




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