Letztes Update am Di, 12.02.2019 09:53

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Neue Bücher - Biografie von Anton Kuh, Tagebücher von Gerhard Fritsch



Wien (APA) - Es sind zwei sehr unterschiedliche, doch wichtige Protagonisten der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts: der streitbare Publizist und Stegreif-Redner Anton Kuh (1890-1941) und der Autor und Literatur-Funktionär Gerhard Fritsch (1924-1969). Zu beiden liefern zwei Neuerscheinungen viele interessante neue Erkenntnisse.

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Der Sprechsteller: Erste Biografie von Anton Kuh

Vor zwei Jahren ist dem Wiener Literaturwissenschafter Walter Schübler eine Großtat in der Pflege des Werks von Anton Kuh geglückt: Über 4.000 Seiten umfasst seine siebenbändige Ausgabe der Werke jenes brillanten Intellektuellen, dessen Feuilletons, Theaterkritiken, Buchrezensionen und Glossen pointiert das politische, gesellschaftliche und kulturelle Leben in Wien, Berlin und Prag festhielten. Die große Popularität, die der für eine fortschrittliche Weltanschauung und gegen die Dummheit kämpfende Bohemien in den 1920er- und 30er-Jahren genoss, steht nun im Mittelpunkt der ersten Biografie Kuhs, die Schübler am 19. Februar präsentiert.

Zur Hochform lief der „Sprechsteller“, der damals nicht nur im Wettbewerb um die Publikumsgunst der größte Gegner von Karl Kraus war, in der direkten Konfrontation mit den Besuchern seiner Stegreif-Reden auf, die Schübler zu rekonstruieren versucht. „Kuh verkehrt mit seinem Publikum in einer Art kriegerischer Direktheit“, schreibt er. „Wenn die Gesellschaft, die er in ihren Eitelkeiten, ihrer Trägheit, ihrer Blasiertheit angreift, ihm gegenüber sitzt, ist das für ihn Stimulans.“ Und so wird das Buch auch ein Ausflug in eine Zeit, in der sich mit frecher, geistvoller Polemik die Säle füllen ließen. Der Verfolgung durch die Nationalsozialisten entkam der Jude und „Kulturbolschewik“ in die USA, wo er 1941 starb.

(Walter Schübler: „Anton Kuh. Biographie“, Wallstein Verlag, 572 S., 13 Abb., 35,90 Euro, ISBN: 978-3-8353-3189-1; Präsentation: 19.2., 19 Uhr, Musiksammlung der Wienbibliothek, Loos-Räume, Wien 1, Bartensteingasse 9)

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Der Cross-Dresser: Die Tagebücher von Gerhard Fritsch

Seine Romane „Moos auf den Steinen“ (1956) und „Fasching“ (1967) gelten als Meilensteine der österreichischen Nachkriegsliteratur, in denen er mit den Repressionen, Verklemmungen und Verdrängungen einer Gesellschaft aufräumte, die nicht in der Lage war, sich vom überwundenen Schrecken zu befreien. Als Literaturfunktionär hat er den literarischen Betrieb seiner Zeit maßgeblich beeinflusst. Dennoch ist der Wiener Gerhard Fritsch einer breiten Öffentlichkeit nur wenig bekannt. Einblicke in Schaffenskrisen und Höhenflüge, in seine Bewunderung für Kollegen wie Thomas Bernhard, vor allem aber in seine intimsten Zerrissenheiten bieten nun Fritschs Tagebücher, die zum ersten Mal in ihrem Gesamtzusammenhang veröffentlicht werden.

Der dreimal verheiratete Vater von vier Kindern fühlte sich als „sentimentale Lehrerin, die zufällig mit Hoden auf die Welt gekommen ist“, und fand größte Befriedigung im Tragen von Frauenkleidern. „Mit einem Begriff, den es damals noch nicht gegeben hat, würde man Gerhard Fritsch heute als einen heterosexuellen Cross-Dresser oder als einen transvestitischen Fetischisten bezeichnen“, schreibt Herausgeber Klaus Kastberger, der den Band, der am Donnerstag präsentiert wird, nach einer Tagebuch-Eintragung benannt hat: „Man darf nicht leben, wie man will.“ Dass dabei Dinge öffentlich werden, die ausschließlich von privatem Interesse sind, verneint Kastberger: „Das Tagebuch von Gerhard Fritsch ist die Folie seiner Literatur. Hier spielt der Autor durch, was später für ihn dort möglich werden sollte.“

(S E R V I C E - Klaus Kastberger (Hg.): „Gerhard Fritsch: Man darf nicht leben, wie man will. Tagebücher“, Residenz Verlag, 264 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3-7017-1705-7, Buchpräsentation: 14.2., 19 Uhr, Lesesaal der Wienbibliothek im Rathaus, Eingang Lichtenfelsgasse, Stiege 6)




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