Letztes Update am Mi, 13.02.2019 06:06

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


91. Oscars - „Beale Street Blues“: Kraft der Liebe gegen jede Willkür



Hollywood (APA) - Berechtigte Hoffnungen auf einen Oscar als beste Nebendarstellerin darf sich heuer US-Schauspielerin Regina King machen. Für ihre Rolle in der dramatischen Lovestory „Beale Street Blues“ wurde sie bereits in der selben Kategorie mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Der Film, der am 8. März in Österreich startet, basiert auf dem gleichnamigen Roman von James Baldwin.

„Beale Street Blues“ (Originaltitel: „If Beale Street Could Talk“) ist eine wichtige Geschichte über Liebe, Würde, Zusammenhalt und Rassismus, einfühlsam und vielschichtig, aber nicht belehrend und darum umso wirkungsvoller erzählt. Im Mittelpunkt steht das junge Paar Tish (dargestellt von Kiki Layne) und Fonny (Stephan James), das in New Yorks Schwarzenviertel Harlem von einer Zukunft als Familie träumt. Da gerät Fonny, vorsätzlich fälschlich der Vergewaltigung angeklagt, in die Mühlen der weißen Justiz.

Baldwin, geboren 1924, gilt als einer der beutendsten US-Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Selbst aufgewachsen in Harlem, engagierte er sich nicht nur in seinen Werken für Gleichberechtigung aller Menschen ungeachtet ihrer Herkunft, Hautfarbe und sexuellen Orientierung, sondern auch in der Bürgerrechtsbewegung. Aktuell sind Baldwins Arbeiten mehr als 31 Jahre nach seinem Tod immer noch, wie es der Autor selbst befürchtet hat („der Amerikanische Traum ist ausgeträumt“), aus seinen Schriften und Reden wird etwa in der „Black Lives Matter“-Bewegung zitiert.

Die Beale Street, eine Straße in Memphis, dient als Metapher „für schwarze Viertel, in denen ausweglose Armut und verzweifeltes Vergnügen das Leben bestimmten“, wie Daniel Schreiber im Nachwort der wundervollen deutschen Neuübersetzung von Miriam Mandelkow anmerkt (die Taschenbuchausgabe erschien dieser Tage). „Die Beale Street ist unser Erbe“, hält Baldwin in der Vorbemerkung zu seinem vorletzten Roman fest. Baldwin zeichnet ein differenziertes System der Unterdrückung, in dem sich Vorurteile und Fehlverhalten nicht auf Schwarz und Weiß beschränken; das Problem geht tiefer. Und er stellt dem eine große Liebesgeschichte gegenüber, die Kraft gibt.

Erinnert der Roman an einen Blues voller Melancholie, Anklage, Wut, aber auch Hoffnung und Liebe, gleicht die Leinwandadaption atmosphärisch einem Soul-Song mit ruhigen Momenten und solchen voll Leidenschaft und aufwühlender Emotionalität. Regisseur und Drehbuchautor Berry Jenkins arbeitete wie bei „Moonlight“, 2017 mit drei Oscars prämiert, mit Kameramann James Laxton zusammen. Das Duo besticht mit visuellem Stil, das Schauspielerensemble mit Ausdruckskraft. Oft reichen kleine Gesten - ein Augenaufschlag, ein Lächeln, eine Sorgenfalte - und wenige Worte, um starke Gefühle zu vermitteln. Hier punktet besonders King als Tishs Mutter, auch wenn die Gesamttonalität bisweilen am Kitsch vorbeischrammt.

Der Film orientiert sich inhaltlich und „technisch“ relativ eng an der Vorlage, endet aber versöhnlicher als der Roman und kann grundsätzlich dessen Intensität und Dringlichkeit nie völlig wiedergeben. Die Handlung springt wiederholt von der Zeit nach Fonnys Inhaftierung zum Geschehen davor (und umgekehrt). Der Zuseher bzw. Leser erlebt die Vorfälle aus der Sicht von Tish - ein wichtiger Blickwinkel, sind Frauen doch erste Leidtragende in von hierarchischen Strukturen, Gewalt und Ressentiments geprägten Gesellschaften. Oscar-Nominierungen erhielten auch Jenkins („Bestes adaptiertes Drehbuch“) und Nicholas Britell für seine Filmmusik.

(S E R V I C E - James Baldwin, „Beale Street Blues“, dtv Verlag, aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow, Taschenbuch, 224 Seiten, 12,90 Euro)




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