Letztes Update am Mi, 13.02.2019 12:44

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Lebendige Geschichte: „Blauwal der Erinnerung“ von Tanja Maljartschuk



Wien (APA) - Mitten in die komplizierte Geschichte des ukrainischen Staates führt der Roman „Blauwal der Erinnerung“ der Bachmann-Preisträgerin Tanja Maljartschuk, der morgen, Donnerstag, in Wien präsentiert wird. Anders als ihr Klagenfurter Siegertext „Frösche im Meer“ ist das Buch nicht auf Deutsch, sondern auf Ukrainisch geschrieben. Entstanden ist es allerdings in Österreich, wo es teilweise auch spielt.

„Vergessenheit“ lautet die wörtliche Übersetzung des Titels des in der Ukraine 2016 erschienen Originals, das dort von der BBC zum Buch des Jahres gekürt wurde. Mit dem Entreißen aus dem Vergessen beschäftigt sich der Roman. „Die Zeit ist ein gigantischer Blauwal“, schreibt die Ich-Erzählerin. „Sie verschluckt mich mit all meinen Gedanken, Ängsten und Erinnerungen, doch um satt zu werden und funktionieren zu können, braucht sie Unzählige wie mich...“ Die junge Frau stürzt sich in das Studium der Vergangenheit, um Halt in ihrem eigenen Leben zu finden. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts spielt die zweite Handlungsebene des Buches. Es geht um die Unabhängigkeitsbestrebungen des ukrainischen Volkes.

Trotz einiger Österreich-Bezüge kann der österreichische Leser bei der Lektüre des Buches so manche blinden Flecken seiner historischen Bildung beseitigen. Denn eine kurze Internet-Recherche legt nahe: Kaum etwas scheint erfunden von dieser verworren abgelaufenen Selbstbehauptung eines Volkes zwischen polnischen und russischen Großmachtbestrebungen. Im Zentrum steht der polnische Philosoph und Politiker Wjatscheslaw Lypynskyj (geboren 1882 in Wolhynien, gestorben 1931 in der Steiermark), der trotz vieler Anfeindungen sein wissenschaftliches und politisches Leben der Ukraine gewidmet hatte. Ob er an ukrainischen Geschichtsbüchern arbeitete oder an das nationale Selbstbewusstsein appellierte - alles grenzte an Hochverrat und wurde von seinen polnischen Verwandten verachtet und von den russischen Behörden verfolgt.

Maljartschuk, 1983 in Iwano-Frankiwsk in der Ukraine geboren und seit 2011 in Wien lebend, zeichnet die unermüdlichen politischen Bemühungen Lypynskyjs und sein Unvermögen, gleichzeitig privates Glück zu erlangen, in vielen Facetten nach. Sein Erbe bringt dem wohlhabenden Adelsspross kein Glück, denn nicht nur nationale, sondern auch ideologische Fronten verschieben sich ständig. Den Kommunisten sind nicht nur ukrainische Nationalisten, sondern auch reiche Großgrundbesitzer ein Dorn im Auge. Lypynskyj wird zwar 1918 der erste Botschafter des jungen ukrainischen Staats in Österreich, bloß der Staat, den er repräsentiert, besteht nicht lange. Nach Österreich, nämlich nach Reichenau und in einen kleinen steirischen Ort, wird der Lungenkranke nur noch der Gesundheit wegen zurückkehren. Wie groß der seelische oder gar hypochondrische Anteil an seinen Leiden ist, kann dabei nur vermutet werden, ist aber jedenfalls das Verbindungsglied zu der Gegenwarts-Erzählerin, die an Panikattacken leidet und sich monatelang nicht aus ihrer Wohnung traut. So eindrucksvoll Maljartschuk auch die Schilderung dieses Rückzugs gelingt, so sehr ist das Scharnier zwischen den beiden Erzählebenen die einzige Schwachstelle des sonst überzeugenden Buches.

Am Ende stirbt der Held des Unabhängigkeitskampfes krank, siech, vereinsamt und verbittert in den steirischen Bergen: „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Ukrainer zum Leben in einem staatlichen Verband nicht fähig sind. Sie sind eine anarchistische Nation.“

(S E R V I C E - Tanja Maljartschuk: „Blauwal der Erinnerung“, Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck, Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 22,70 Euro, Buchpräsentation: Do., 14.2., 19 Uhr, Literarisches Quartier Alte Schmiede, Wien 1, Schönlaterngasse 9)




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