Letztes Update am Do, 14.02.2019 10:48

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Die Autorität Öcalans ist auch in der Haft ungebrochen



Ankara (APA/AFP) - Die Festnahme von Abdullah Öcalan vor 20 Jahren war für die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ein schwerer Schlag, doch das Rückgrat gebrochen hat sie der kurdischen Rebellengruppe nicht. Obwohl Öcalan seit Jahren auf einer Insel im Marmara-Meer in fast völliger Isolationshaft sitzt, hat der türkische Staatsfeind seine Autorität und seinen Einfluss auf die PKK bewahrt. Sollte die Regierung in Ankara einen neuen Anlauf für eine politische Lösung des Kurden-Konflikts unternehmen, würde wohl kein Weg an Öcalan vorbeiführen.

Der heute Siebzigjährige war am 15. Februar 1999 vom türkischen Geheimdienst in Nairobi gefasst worden. Der PKK-Chef war zuvor auf Druck Ankaras aus Syrien ausgewiesen worden, wo er viele Jahre gelebt hatte. Nach Stopps in Russland, Italien und Athen hatten ihn griechische Diplomaten heimlich in die Botschaft in Kenia gebracht, doch wurde er dort von türkischen Agenten aufgespürt und beim Verlassen der Botschaft entführt.

Aus der Haft heraus rief der „Apo“ genannte PKK-Chef dazu auf, den seit 1984 andauernden Kampf gegen den türkischen Staat auszusetzen und auf die Forderung nach Unabhängigkeit zu verzichten. Noch im Jahr seiner Festnahme wurde er zum Tode verurteilt, doch wurde das Urteil nach Abschaffung der Todesstrafe 2002 in lebenslange Haft umgewandelt. Seitdem lebt er als einziger Häftling auf der Gefängnisinsel Imrali im Marmara-Meer.

„Die Festnahme Öcalans hat der Organisation zunächst einen enormen Schlag versetzt, weil er alle Aspekte und Aktivitäten der PKK kontrollierte“, sagt Aliza Marcus, Autorin des Buchs „Blood and Belief“ über die Geschichte der PKK. Obwohl der türkische Staat den Kontakt extrem beschränkte, habe Öcalan über Interviews und seine Anwälte den Kontakt mit seinen Anhängern halten können und bis heute seinen Einfluss in der PKK gewahrt.

Nach jahrelangen geheimen Gesprächen mit der Regierung von Recep Tayyip Erdogan rief Öcalan zum kurdischen Neujahr 2013 die PKK-Kämpfer zu einer Waffenruhe auf, um weitere Verhandlungen möglich zu machen. Allerdings brach der Friedensprozess im Juli 2015 zusammen, seither kommt es im Südosten des Landes praktisch täglich zu bewaffneten Zusammenstößen zwischen türkischen Sicherheitskräften und kurdischen Rebellen. In dem Konflikt wurden seit 1984 bereits mehr als 40.000 Menschen getötet.

Nach dem versuchten Militärputsch im Juli 2016 in der Türkei verbot die Regierung im Namen des „Kampfes gegen den Terrorismus“ alle Besuche bei Öcalan auf Imrali. Erst nachdem die Abgeordnete Leyla Güven von der prokurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP) und mehr als 300 weitere Häftlinge aus Protest gegen Öcalans Isolation in den Hungerstreik getreten waren, durfte dessen Bruder Mehmet ihn Mitte Jänner besuchen. „Als er dort war, hat Herr Öcalan ihm gesagt, ‚Die Öffentlichkeit soll wissen, dass es mir gut geht‘“, sagt Öcalans Anwalt Ibrahim Bilmez, der ihn selbst nicht sprechen kann.

Zwar sehe er auf Fotos gealtert aus mit ergrauten Haaren und Schnurrbart, doch sei dies normal nach 20 Jahren in Isolationshaft, meint der Anwalt. Es gebe eine „psychologische Verbindung zwischen Öcalan und dem kurdischen Volk“, die es Öcalan erlaube, die Isolation zu ertragen und den Mut nicht zu verlieren, glaubt Bilmez. Tatsächlich scheint nicht nur der PKK-Chef ungebrochen, sondern auch seine Autorität bei seinen Anhängern.

In den nordsyrischen Gebieten der kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD), die eng mit der PKK verbunden sind, ist das Porträt des Kurden-Führers allgegenwärtig, und auch in Europa schwenken seine Anhänger auf Demonstrationen immer wieder Öcalan-Fahnen, obwohl die PKK dort genauso wie in der Türkei als „Terrororganisation“ eingestuft ist und ihre Symbole verboten sind.

„Für einen großen Teil der Kurden ist Öcalan der Onkel, der nicht nur die Sache, sondern die kurdische Nation als Ganzes verkörpert“, sagt der Forscher Hamit Bozarslan vom Institut EHESS in Paris. Öcalan bleibe ein zentraler Akteur, und sollte sich Erdogan einmal zur Wiederaufnahme der Friedensgespräche entschließen, werde er „keinen anderen Gesprächspartner“ als Öcalan haben.




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