Letztes Update am So, 10.03.2019 08:05

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Sefcovic - Parteiloser Karrierediplomat mit Smer-Stigma



Bratislava (APA) - Erst Mitte Jänner, nach monatelangem Hin und Her, wurde in der Slowakei endlich auch der Präsidentschaftskandidat der führenden Regierungspartei, der sozialdemokratischen Smer (Richtung) bekannt. Nachdem der parteilose Außenminister Miroslav Lajcak eine Kandidatur definitiv abgelehnt hatte, stimmte einem Angebot der Sozialdemokraten schließlich der erfahrene Karrierediplomat Maros Sefcovic zu.

Der amtierende EU-Kommissar ging damit mit einem zeitlichen Handicap ins Rennen. Die meisten seiner Rivalen um die Nachfolge des scheidenden Staatschefs Andrej Kiska, der nicht mehr antritt, hatten zu der Zeit schon einen monatelangen Wahlkampf hinter sich. Sehr schnell zeigte sich aber, dass der späte Einstieg nicht unbedingt zum Nachteil war. Die hohe Aufmerksamkeit, die Medien und Öffentlichkeit der Nominierung der Smer schenkten, katapultierte den Linkspolitiker sofort an die Spitze der Umfragewerte. Das beseitigte auch das scheinbare Problem, dass Sefcovic in seiner Heimat wesentlich weniger bekannt ist als hinter den Grenzen des Landes.

Trotz heftigem Aufrücken seiner liberalen Hauptkonkurrentin Zuzana Caputova gilt der Diplomat weiterhin als ernstzunehmender Kandidat für die Stichwahl. Anders als die Liberale, die sich offen zu ihrer Partei Progressive Slowakei (PS) bekennt, betont Sefcovic von Anfang an seine Parteilosigkeit. Auch die Verkündung seiner Kandidatur in einem Hotel in Bratislava ereignete sich ohne Beisein von Smer-Vertretern, an der Seite von Sefcovic stand nur seine Ehefrau.

Tatsächlich war er auch nie Mitglied der Partei. Nur hatten seine Kandidatur ausnahmslos Parlamentarier der Smer unterschrieben, womit er im Wahlkampf unausweichlich auch das Stigma der Partei mit sich trägt, die nach dem Mord am Investigativ-Journalisten Jan Kuciak vor einem Jahr schwer angeschlagen ist. Auch sein Wahlkampf wird von der Smer mitfinanziert.

In der slowakischen Parteienpolitik war der 52-jährige aus Bratislava nie aktiv. Schon immer hatte es ihn eher in die Diplomatie gezogen. Dementsprechend folgte seinem Studium an der Ökonomischen Universität in seiner Heimatstadt umgehend das Staatliche Institut internationaler Beziehungen in Moskau. Und Postgradual fügte er noch ein Doktorstudium an der Juristischen Fakultät der Comenius-Universität in Bratislava hinzu.

Schon 1990 startete die Diplomaten-Karriere von Sefcovic. Angefangen hatte er im Außenamt der damaligen Tschechoslowakei und arbeitete sich langsam nach oben. Über Stationen in Auslandsvertretungen seines Landes in Zimbabwe, Kanada oder Israel, wo er ab 1999 Botschafter der Slowakei war, bis nach Brüssel.

Heute ist Sefcovic angesehener EU-Politiker. In der EU-Kommission ist er seit 2009 tätig, zunächst war er für Bildung, später für internationale Beziehungen zuständig und ist aktuell amtierender Vizepräsident der EU-Kommission für die Energieunion. Er war auch als Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokraten für die anstehende Europawahl im Spiel, verzichtete aber schließlich zugunsten seines niederländischen Kommissionskollegen Frans Timmermans.

Politisch bekennt sich Sefcovic eindeutig zu seiner linken Gesinnung. Im Wahlkampf betont er die Rolle der Sozialpolitik im Land und versichert, er würde die von der Smer durchgesetzten Sozialmaßnahmen wie Gratis-Züge oder kostenlose Mahlzeiten für Schüler nie in Frage stellen. Er wolle einfach ein „Präsident mit menschlichem Antlitz“ sein. Zudem wolle er seine persönlichen Erfahrungen und Kontakte aus jahrelanger Arbeit bei der EU nutzen, um die Verankerung seines Landes in der EU ganz klar zu garantieren.

In anderen Bereichen zeigt er sich aber durchaus konservativ. In ethischen und kulturellen Fragen sowie bei der Familienpolitik sollte die Slowakei ihre Souveränität behalten, meinte er kürzlich nach einem Treffen mit Vertretern der Kirchen und Glaubensgemeinden in der Slowakei. „Unter dem Begriff Ehe verstehe ich die Verbindung eines Mannes und einer Frau, genau, wie es in der Verfassung der Slowakei verankert ist“, verkündete der Diplomat und sprach sich auch gegen Kinderadoptionen durch gleichgeschlechtliche Paare aus. Damit grenzte er sich klar von seiner liberalen Rivalin Caputova ab, die gegen eingeschriebene Partnerschaften für Homosexuelle keine Einwände hätte.

Sefcovic bemüht sich sichtlich, einen schwierigen Spagat zwischen proeuropäisch und patriotisch zu schaffen. Er bekennt sich voll zu Europa, will es aber auch konservativen Wählerkreisen recht machen. Sollte ihm dies gelingen, dürfte er bei der Abstimmung neben Smer-Wählern wohl auch mit einem großen Teil von Sympathisanten der mitregierenden Nationalisten und sogar Teilen konservativer Oppositions-Anhänger rechnen. Ob dies zusammen mit der beteuerten Parteilosigkeit das Smer-Stigma wegwischen kann, das ihn für Einwohnergruppen unannehmbar macht, die sich nach einem Neuanfang in der slowakischen Politik sehnen, wird erst der Urnengang selbst zeigen.




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