Letztes Update am So, 10.03.2019 17:05

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Algeriens Präsident kehrt heim - Streiks erwarten ihn



Algier (APA/dpa/Reuters/AFP) - Nach rund zwei Wochen medizinischer Behandlung in der Schweiz hat sich Algeriens altersschwacher Präsident Abdelaziz Bouteflika auf den Heimweg gemacht. Dort erwartet ihn ein Machtkampf um seine erneute Kandidatur. Eine Maschine der algerischen Regierung hob am Sonntag nach Angaben des Dienstes Flight Radar vom Flughafen in Genf ab.

An Bord sei der Präsident, sagte ein Sprecher Bouteflikas der Nachrichtenagentur dpa. Die Proteste gegen Bouteflika rissen auch am Wochenende nicht ab. Am Sonntag folgten in mehreren Städten des nordafrikanischen Landes viele Geschäfte und Mitarbeiter von Unternehmen Aufrufen in sozialen Medien zu einem Generalstreik. In Algier blieben zahlreiche Läden und Märkte geschlossen. Ganze Straßenzüge waren menschenleer.

Auch große staatliche und private Unternehmen waren von dem Ausstand betroffen, wie algerische Medien und Aktivisten meldeten. Im Zentrum Algiers zogen zudem Schüler zu Protesten auf die Straße. Mit dem Konzern Cevital schloss sich auch eines der größten Unternehmen des Landes an. Es solidarisiere sich mit dem Generalstreik, twitterte das Unternehmen.

In Oran, der zweitgrößten Stadt des Landes, herrschte anders als in Algier im Geschäftsviertel und dem stark besuchten Bastille-Markt normaler Betrieb, in der drittgrößten Stadt Constantine war nur etwa die Hälfte der Geschäfte offen, während in der viertgrößten Stadt Annaba alle Behörden und Geschäfte dem Streikaufruf gefolgt waren, wie Journalisten berichteten. In der gleichnamigen Provinz Annaba befanden sich demnach die Rathaus-Mitarbeiter von zwölf Gemeinden im Ausstand.

Der Streik richtet sich gegen eine weitere Kandidatur des Staatschefs bei der Präsidentenwahl am 18. April. Bouteflika ist bereits seit 20 Jahren an der Macht und strebt eine fünfte Amtszeit an. Seine Gegner sehen ihn jedoch nicht mehr in der Lage, das Land zu regieren. Seit einem Schlaganfall sitzt der 82-Jährige im Rollstuhl und hat große Probleme beim Sprechen. Vor zwei Wochen war er zu medizinischen Untersuchungen nach Genf gereist. Sein genauer Gesundheitszustand ist Gegenstand von Spekulationen.

Eine zentrale Rolle im Ringen um Bouteflikas Verbleib im Präsidentenamt spielt das Militär, eine der wichtigsten Machtsäulen im Land. Stabschef Ahmed Gaid Salah würdigte in einer Rede die „Einheit von Armee und Volk“. Die Armee und das Volk hätten eine starke Bande, sagte der Generalleutnant, ohne die Proteste zu erwähnen. Salah machte keine Anzeichen, dass das Militär von Bouteflika abrückt.

Um den Protesten Einhalt zu gebieten, ordnete die Regierung überraschend an, die Frühlingsferien auf Sonntag vorzuziehen und auf fast vier Wochen zu verlängern. Die Demonstrationen hatten vor mehr als zwei Wochen begonnen. Am Freitag kam es in vielen Städten des Landes zum bisher größten Massenprotest gegen Bouteflika.

Bei Zusammenstößen am Rande der Demonstrationen wurden in Algier mehr als 200 Menschen verletzt. Die Polizei setzte Tränengas ein, es flogen Steine und Gummigeschoße. Offizielle Stellen sprachen von „Chaoten“, die im Nationalmuseum für Altertümer und Islamische Kunst randaliert und geplündert hätten. Bilder zeigten ausgebrannte Räume und zerstörte Vitrinen. 195 Menschen wurden festgenommen.

Vor allem in der jüngeren Bevölkerung verliert Bouteflika zunehmend an Rückhalt. Aber auch Abgeordnete seiner FLN-Partei haben sich von ihm abgewandt und den Demonstrationen angeschlossen. Fast 70 Prozent der Algerier sind dagegen unter 30 Jahre alt. Von ihnen ist mehr als ein Viertel ohne Arbeit. Viele der Demonstrationszüge starteten auf Universitätsgeländen. Das Bildungsministerium ordnete am Samstag ohne Begründung vorgezogene Semesterferien an




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