Letztes Update am Mo, 11.03.2019 06:05

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kent Nagano verlässt Montreal, bleibt aber „im Geiste ein Quebecois“



Montreal/Wien (APA) - Kent Nagano lächelt von Plakaten und Programmbroschüren, aus Vitrinen, Fernsehschirmen und virtuellen Ausstellungswelten. Der Chefdirigent des Orchestre Symphonique de Montreal (OSM) hat es in seiner kanadischen Wahlheimat zum wichtigsten Testimonial für hochkarätige klassische Musik geschafft. Am 17. März bringt er sein Orchester ins Wiener Konzerthaus.

Im APA-Interview spricht der US-Amerikaner, der auch Generalmusikdirektor der Stadt Hamburg ist, über das spezielle ästhetische Empfinden der französischsprachigen Provinz Quebec, die „nie versucht hat, sich von Europa zu separieren“.

APA: Alle Ihre Kollegen beim OSM betonen, wie sehr Sie das Orchester in der Stadt verankert haben. Wie ist Ihnen das gelungen - noch dazu als Ortsfremder?

Nagano: Als ich vor 15 Jahren hierherkam, stellten wir uns die Frage, wie wir das Orchester für unsere heutige Gemeinschaft definieren können. Montreal war schon immer eine sehr dynamische Stadt, sie wächst, es wird viel gebaut, viele neue Menschen kommen hier an. Gleichzeitig hatten wir ein lange treues Stammpublikum. Es war mir wichtig, dass wir uns fragen, wie wir relevant sein können. Für mich hat das immer bedeutet, näher an die Menschen zu kommen. Es war ein sehr spannender Weg, wir haben viel erreicht

APA: Was hat sich seither geändert?

Nagano: Die Statistik, die man am einfachsten fassen kann, ist wahrscheinlich, dass wir mit das jüngste Publikum für klassische Musik auf der ganzen Welt haben. Das war eine drastische Veränderung - als ich 2004 designiert wurde, gab es die große Sorge, dass unsere Besucher überaltern. Wir haben seither das Durchschnittsalter um die Hälfte reduziert. Sie müssen bedenken: Montreal ist durch seine drei Top-Universitäten eine sehr studentische Stadt. Heute sieht unser Publikum so aus, wie Montreal aussieht. Darauf sind wir sehr stolz.

APA: Welche Auswirkungen hat das auf das Repertoire?

Nagano: Wir gehen ins Konzert, weil wir etwas Außergewöhnliches sehen wollen, weil es zu unserem Lebensstil gehört, Verfeinerung und Schönheit zu erleben. Vor diesem Gedanken hat sich das Repertoire seit meinem Antritt sehr erweitert. Das betrifft vor allem die Werke von Bach und Haydn, die Symphonien von Beethoven, Bruckner und Mahler. Das ist für Sie als Europäerin wahrscheinlich schwer nachvollziehbar, aber das wurde hier sehr selten gespielt. Mir geht es darum, unserem Publikum Zugang zu diesen großen Bausteinen des symphonischen Repertoires zu verschaffen. Und es geht für das Orchester darum, in diesem fundamentalen Bereich eine Flüssigkeit zu erwerben.

APA: Das Kernrepertoire hier ist stark französisch geprägt...

Nagano: Daran sieht man, wie sehr die Sprache auch das ästhetische Empfinden beeinflusst. Für die meisten Menschen in Quebec ist Französisch die dominante Sprache. Dazu kommt, dass die Musik im Paris des frühen 20. Jahrhunderts mit unserer Geburt als Orchester zusammengefallen ist. Die Einflüsse aus der Zeit der Ballets Russes wurden hier durch die starke Identifikation mit Frankreich sofort aufgesaugt und haben von Anfang an unser Kernrepertoire definiert.

APA: Damit kommen Sie auch nach Europa. In Wien steht unter anderem „Jeux“ von Debussy und „Le Sacre de Printemps“ von Strawinski auf dem Programm.

Nagano: Das sind Stücke, die wirklich unsere Tradition repräsentieren. In Montreal waren Tanz und Bewegung immer sehr lebendig - ich denke, auch daher kommt die Vorliebe für die Musik der Ballets Russes. Und wir betonen damit auch: Wiewohl wir unverkennbar nordamerikanisch sind und auch klingen, so sind wir doch die einzige Region in Nordamerika, die nie versucht hat, sich von Europa zu separieren. Im Gegenteil, es werden viele Ressourcen aufgewendet, um unsere kulturellen, ökonomischen und politischen Beziehungen zu entwickeln.

APA: Hat sich diese Identifikation mit Europa verstärkt durch das Phänomen Trump?

Nagano: Was ich an Quebec so inspirierend finde, ist dass es einfach Quebec ist. Es ändert sich nicht aufgrund von Dingen, die anderswo passieren, selbst wenn es nur eine halbe Stunde bis zur US-Grenze ist. Diese Region hatte immer ihre ureigene Evolution - es gab nie den aggressiven Versuch, diese Kultur anderen aufzuzwingen oder sich selbst anzupassen. Aber es gab immer so etwas wie ein eigenes Koordinatensystem. Beispielsweise hat sich Quebec nie besonders über ökonomische Maßzahlen definiert - wird sind weit davon entfernt, zu den wohlhabendsten Gegenden zu gehören - von einem kulturellen Standpunkt aus sind wir aber eine der reichsten.

APA: Sie schwärmen von Ihrer Wahlheimat - und stehen doch davor, sie zu verlassen.

Nagano: Normalerweise beendet man eine Beziehung, weil es ein Problem gibt, oder eine Spannung. Wenn es die nicht gibt, ist es seltsam und auch traurig sich zu trennen. Aber ich habe hier etwas erreicht, das man in der Musik als Ende eines Phrasierungsbogens bezeichnen würde. Und der fällt zusammen mit einigen Projekten, die ich zum Teil seit 15 Jahren aufschiebe und für die ich mehr Freiheit brauche. Ich bleibe Generalmusikdirektor in Hamburg, dazu kommt das sehr aufwendige Lesarten-Projekt mit dem Concerto Köln, bei dem ich mit einem Team von Musikwissenschaftern an einer historisch informierten Aufführungspraxis für Wagners Opern arbeite. Mein beruflicher Schwerpunkt wird sich also noch stärker nach Europa verlagern. Ich habe aber glücklicherweise auch schon einige gemeinsame Pläne mit dem Orchestre Symphonique de Montreal. Ich bleibe im Geiste ein Quebecois.

(Das Gespräch führte Maria Scholl/APA)




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