Letztes Update am Mo, 11.03.2019 08:44

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Apothekertagung - Kinder als „therapeutische Waisen“



Schladming (APA) - Unsere Kinder werden zu einem beträchtlichen bis überwiegenden Teil mit Medikamenten behandelt, die nicht für sie erprobt sind. Oft gibt es keine kindergerechten Dosierungen und Darreichungsformen, sagte Sonntagabend Florian Lagler vom Institut für Angeborene Stoffwechselerkrankungen der MedUni Salzburg bei der Apotheker-Fortbildungswoche in Schladming (bis 13. März).

„Schon 1968 sind Kinder als ‚therapeutische Waisen‘ in der Medizin bezeichnet worden. Das gilt auch heute noch“, sagte Lagler in seinem Vortrag zur pädiatrischen Pharmakologie. Sogenannter Off-Label-Use (Verschreibung von Erwachsenen-Arzneimitteln für Kinder ohne entsprechende Zulassung auf der Basis klinischer Studien; Anm.) betreffe 30 Prozent der Verschreibungen bei Kindern generell und mehr als 90 Prozent bei Kindern auf Intensivstationen.

„Off-Label-Use heißt Off-Knowledge-Use (Benutzung ohne Wissen; Übers.). Das ist inakzeptabel“, betonte der Experte.

Über die Jahrzehnte hinweg haben sich immer wieder grässliche Arzneimittelkatastrophen bei Kindern zugetragen, zum Teil mit jeweils ähnlichem Hintergrund: Diäthylenglykol als Lösungsmittel in einem Medikament forderte 1937 bei Kindern und Erwachsenen 76 Todesfälle in den USA. Diäthylenglykol verursachte mit dem simplen fiebersenkenden Mittel Paracetamol 1992 in Nigeria 47 Todesfälle bei Kindern. 1995 war es gleichfalls die Ursache für den Tod von 51 Kindern in Bangladesch. 1998 tötete die Kombination 85 Kinder in Haiti. 1982 und 1984 starben 48 Neugeborene durch für sie toxische Zusatzstoffe in Arzneimitteln. Die Sache mit Diäthylenglykol in Kinderarzneimitteln sollte als der eigentliche „Glykol-Skandal“ gelten.

Länge hätte es geheißen, Arzneimittelstudien an Kindern seien unethisch. Gerade das Gegenteil sei der Fall, sagte Lagler. Kinder seien eben bezüglich der Wirkung und Verträglichkeit keine „kleinen Erwachsenen“, auf die man einfach die Dosierungen auf das Körpergewicht herunterrechnen könne. Vor allem die Verstoffwechselung von pharmazeutischen Wirkstoffen hänge vom jeweiligen Lebensalter ab und müsse eben dafür speziell untersucht werden.

Die Arzneimittelbehörden und die Medizin insgesamt reagierten in der Vergangenheit nur langsam auf Arzneimittelkatastrophen bei Kindern. Von der Erkenntnis, dass Contergan-Gebrauch von Schwangeren zu schwersten Missbildungen führte im Jahr 1961 dauerte es - wie der Experte betonte - 15 Jahre (bis 1976; Anm.), bis die Arzneimittelgesetze in den betroffenen Ländern geändert wurden.

1959 trat bei Neugeborenen durch das damals verwendete Antibiotikum Chloramphenicol erstmals das mit schwersten Krankheitssymptomen verbundene Grey-Baby-Syndrom auf. Es beruht auf der ausschließlich bei Neugeborenen vorhandenen noch nicht ausgereiften Funktion der Leber. Die entsprechende Verordnung, dass Arzneimittel auch unbedingt Daten über den Gebrauch an Kindern aufweisen müssen, wurde aber erst 53 Jahre später in Europa in Kraft gesetzt.

„Dabei liegt die Häufigkeit von unerwünschten Arzneimittelwirkungen bei Kindern in Kliniken bei um die zehn Prozent, in Neonatologien bei bis zu 90 Prozent. 2,9 Prozent der stationären Aufnahmen erfolgen aufgrund von unerwünschten Arzneimittelwirkungen. 22,1 Prozent der als Nebenwirkungen gemeldeten Ereignisse sind vermeidbar. 80 Prozent der Fehler liegen in der ärztlichen Verschreibung. Potenziell gefährliche Medikationsfehler sind bei Kindern dreimal häufiger als bei Erwachsenen“, sagte Lagler.




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