Letztes Update am Mo, 11.03.2019 14:44

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Überleben in Gräben, Tunneln und Zelten in Baghouz



Baghouz (APA/AFP) - Niemand hatte mit so vielen Menschen in der letzten Bastion der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien gerechnet, und noch immer sind die Belagerer verwundert, wie Zehntausende Menschen in dem kleinen Dorf Baghouz so lange überleben konnten. Über Wochen kamen sie in kleinen und größeren Gruppen, und am Ende waren es täglich tausende Kämpfer, Frauen und Kinder, welche die Siedlung an der irakischen Grenze verließen, die den letzten Rest des „Kalifats“ der Jihadisten bildete.

Der schier endlose Treck der ausgehungerten und vielfach verletzten Menschen, die aus dem Dorf am Euphrat kamen, hat die Belagerer unvorbereitet getroffen. „Sie kommen aus dem Untergrund, es nimmt kein Ende“, sagt ein Vertreter der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF). Hatten sie zu Beginn noch erwartet, dass es vor allem Kämpfer seien, die sich in Baghouz verschanzt haben, mussten sie ihre Einschätzung bald ändern.

„Als wir den Einsatz begannen, wussten wir, dass es Zivilisten geben würde, doch rechneten wir nicht mit einer solchen Zahl“, sagt der SDF-Sprecher Adnan Afrin. Eigentlich besteht Baghouz nur aus einigen Dutzend Häusern, doch als die Siedlung am Euphrat zur letzten IS-Bastion wurde, sammelten sich dort Zehntausende Menschen. In ihrer Not hausten sie zusammengedrängt in Tunneln, Gräben und Zelten.

Videoaufnahmen der von früheren US-Spezialkräften gebildeten Freiwilligengruppe Free Burma Rangers zeigen ein chaotisches Zeltlager am Flussufer. Auf den Bildern sind dutzende Kleinlaster und andere Fahrzeuge zu sehen, zwischen denen sich schwarz verhüllte Frauen bewegen und Motorräder hin- und herfahren. Zur Zeit der Aufnahmen vermuteten die Free Burma Rangers noch tausende Menschen in Baghouz.

Wie viele IS-Kämpfer mit ihren Familien zu Beginn in dem Dorf lebten, ist unklar. Doch allein am vergangenen Donnerstag verließen rund 6.000 Menschen die Siedlung. Nach Angaben des International Rescue Committee wurden seit Beginn der Belagerung im Dezember mehr als 55.000 Zivilisten ins Internierungslager Al-Hol im kurdischen Nordosten Syriens gebracht. Die Hilfsorganisation warnt, dass das Lager inzwischen an der Belastungsgrenze sei.

„Niemand hätte sich vorstellen können, dass so viele Frauen und Kinder noch in Baghouz lebten“, erklärt die Organisation. Wie die Belagerer die Zahl der Zivilisten in Baghouz so unterschätzen konnten und warum sich die Zivilisten erst nach Monaten ergaben, bleibt ein Rätsel. Schließlich war die militärische Lage für die Dschihadisten aussichtslos, und die SDF ließen keinen Zweifel, dass sie nur ihre Kapitulation akzeptieren würden.

Von einer SDF-Stellung am Rande von Baghouz ist ein von Autos, Stofffetzen und Erdlöchern übersätes Niemandsland zu sehen. „Wenn die Sonne aufgeht, kommen uns Zivilisten entgegen, doch Scharfschützen feuern auf sie, um sie zurück zu zwingen“, sagt der SDF-Kämpfer Ahmad al-Sijjan. Um die SDF-Stellungen liegen in improvisierten Zelten Matratzen und Decken, daneben ein kleiner Ofen, Kochutensilien und ein umgestürzter Kinderwagen.

In Gräben und Löchern finden die SDF-Kämpfer immer wieder tote Jihadisten und Munitionslager. „Wo immer wir hinkommen, finden wir zwei oder drei Sprengstoffgürtel“, sagt ein Kämpfer. Sie fürchteten, „dass die letzten Kämpfer davon Gebrauch machen werden“. Da nach Wochen der Strom der Zivilisten aus Baghouz versiegt ist, haben die SDF-Kämpfer am Sonntag das Signal zum finalen Angriff gegeben. Den letzten Jihadisten bleibt nun nur noch die Wahl zwischen Kapitulation und dem Tod.




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