Letztes Update am Di, 12.03.2019 06:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Regisseur Charim zu „Opernball“: „Alles ist noch schlimmer gekommen“



Wien (APA) - Am 17. März kommt im Volx/Margareten, der Nebenspielstätte des Wiener Volkstheaters, der Roman „Opernball“ von Josef Haslinger erstmals auf die Bühne. Den 1995 erschienenen „Skandalroman“, der mit einem Blausäureattentat auf den Opernball beginnt, dem 3.000 Gäste, darunter Österreichs gesamte Staatsspitze, zum Opfer fallen, inszeniert der in Berlin lebende Wiener Regisseur Alexander Charim.

APA: Herr Charim, was hat Sie an dem Roman „Opernball“ besonders gereizt? Haben Sie das Projekt vorgeschlagen?

Alexander Charim: Der Roman war ein Vorschlag des Volkstheaters. Ich habe sofort zugesagt. Ich bin in den 90er-Jahren in Österreich aufgewachsen, ich erinnere mich an das gesellschaftliche Klima, an Jörg Haider als prägende politische Figur. Vielleicht können wir besser verstehen, wie Österreich so werden konnte, wie es heute ist, wenn wir in dieser Zeit nach den Ursachen suchen.

APA: Was sind die größten handwerklichen Herausforderungen bei der Dramatisierung des Romans von Josef Haslinger? Wir passt dieser Stoff auf die kleine Bühne des Volx/Margareten?

Charim: Man muss sich auf die Suche nach der Essenz des Textes machen und dafür einen theatralen Ausdruck finden. Man muss herausfinden, was das Theater hier leisten kann, jenseits der Bebilderung der Handlung, das ist, glaube ich, die größte Herausforderung. Ich liebe die Arbeit auf einer kleinen Bühne, wo man dem Zuschauer sehr nahe kommen kann. Je „größer“ ein Stoff, desto spannender ist diese Nähe, weil man gezwungen ist, die großen Bilder durch zwischenmenschliche Situationen zu erzählen und sich nicht mit Effekten retten kann.

APA: Der Roman schildert einen grauenhaften Anschlag mit unzähligen Toten. Wie kann man der Verantwortung, so ein heikles und mörderisches Geschehen auf der Bühne zu zeigen, gerecht werden?

Charim: Man kann so einen Anschlag nicht auf der Bühne bebildern, das wäre obszön. Deswegen versuchen wir das auch gar nicht. Ich glaube aber auch nicht, dass diese Fantasie eines Massenmordes beim Opernball zentral für den Roman ist. Es geht viel mehr um das Panorama einer taumelnden und auseinanderdriftenden Gesellschaft voller Wut und Einsamkeit, um den Verlust von Identität und gesellschaftlichem Zusammenhalt, um den Verfall eines gesellschaftlichen und persönlichen Miteinanders. Es geht um eine diffuse Angst, die um sich greift, um die Sündenböcke, die gesucht werden. Es geht um den wachsenden Hass in der Gesellschaft und die Gewalt, die aus diesem Hass entsteht. Und es geht darum, wie dieser Hass die Beziehungen zwischen Menschen aushöhlt und vergiftet. In dem Anschlag bündeln sich diese Entwicklungen zu einem Bild von symbolischer Kraft. Aber das eigentliche Zentrum ist die Frage nach dem Zusammenhang dieser extremen Gewalt mit unserem Leben.

APA: Der Roman ist 1995 erschienen. Es geht um rechtsradikale und rechtspopulistische Strömungen, um Ausländerhetze. Wo erkennen Sie Parallelen zu der heutigen Situation, was sind die gravierendsten Unterschiede?

Charim: 1995 war so ein Anschlag eine fast absurde Fantasie, heute, nach dem 11. September, nach den Anschlägen in Paris, London, Nizza etc. haben wir uns fast an diese Bilder gewöhnt. Auch das erzählt dieser Roman: wie Bilder von Gewalt in unser Bewusstsein einsickern, wie wir uns an die Alltäglichkeit von Gewalt gewöhnen, wie sie uns immer weniger schockiert. Abgesehen davon hat Haslinger viele Entwicklungen der österreichischen Politik vorweg genommen. Der Roman endet mit einem neuen Polizeipräsidenten, der sagt: „Ein Recht ohne Macht ist zum Untergang verurteilt.“ Nicht sehr weit entfernt von Aussagen des Innenministers in der jüngeren Zeit. Der gravierendste Unterschied: es ist alles noch schlimmer gekommen...

APA: Sie leben in Berlin, sind aber geborener Wiener und haben auch immer wieder in Wien inszeniert. Was unterscheidet die Berliner Theatersituation von jener in Wien?

Charim: In Berlin ist alles unfertiger, weniger glamourös, dafür politischer, direkter, auch angriffslustiger. Als ich vor 16 Jahren nach Berlin gezogen bin, waren diese Unterschiede allerdings noch viel größer. Die Theaterwelten sind einander ähnlicher geworden.

APA: Was ist Ihre persönliche Meinung zur Zukunft des Volkstheaters?

Charim: Vielleicht zunächst ein Wort zur Gegenwart des Volkstheaters: ein tolles Theater mit einem großartigen Ensemble. Ich könnte mir keinen besseren und interessanteren Ort für diese Arbeit wünschen. Zur Zukunft: Ich habe keine schnelle und griffige Antwort auf diese Frage. Vielleicht zwei Ideen, die mich interessieren würden: 1) Das Volkstheater muss ein Ensembletheater bleiben, man könnte aber den Ensemblebegriff erweitern zu einer Gruppe von Schauspielern, Musikern, Tänzern, bildenden Künstlern, Sängern, etc. Es gibt in Wien bisher noch keinen Ort, der wirklich spartenübergreifend arbeitet. 2) Entschleunigung. Wo immer ich hinkomme, produzieren die Theater wie blöd, alle arbeiten ständig am Rand der totalen Erschöpfung und darüber hinaus. Mich würde ein Ort interessieren, der sich wieder mehr Zeit und Konzentration nimmt, eine Art Theaterlabor. Nicht alle 6 Wochen eine Premiere raushauen, sondern wieder mehr ausprobieren, Zwischenergebnisse präsentieren, weiterarbeiten... Welcher Ort könnte dafür besser sein als das theaterbesessene Wien?

(Die Fragen stellte Wolfgang Huber-Lang/APA per Mail)

(ZUR PERSON: Alexander Charim wurde 1981 in Wien geboren und studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Wien sowie Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Seit 2007 inszeniert er unter anderem an der Staatsoper Hannover, dem Schauspielhaus Wien, der Deutschen Oper Berlin, dem Landestheater Niederösterreich und der Oper Frankfurt. 2016 erhielt er für seine St. Pöltener Kaurismäki-Hommage „Lichter der Vorstadt“ beim Nestroy-Preis die Auszeichnung für die Beste Bundesländer-Aufführung. https://alexandercharim.com)

(S E R V I C E - „Opernball“ nach dem gleichnamigen Roman von Josef Haslinger, Bühnenfassung von Alexander Charim und Heike Müller-Merten, Regie: Alexander Charim. Bühne und Kostüme: Ivan Bazak. Mit Bernhard Dechant, Thomas Frank, Rainer Galke, Sebastian Klein, Stefan Suske und Lukas Watzl. Uraufführung. Premiere: 17.3., 20 Uhr, Nächste Aufführungen: 19., 23.3., Volx/Margareten, Wien 5, Margaretenstraße 166, Karten: 01 / 52111-400, www.volkstheater.at; Außerdem: „Child in Time“ mit Josef Haslinger und dem Lilo Kraus Trio, 9.3., 19.30 Uhr. Volkstheater, Rote Bar; „Wie konnte das passieren? Das Gespenst des Rechtsrucks in Österreich“, Ilija Trojanow trifft Josef Haslinger, Rote Bar, 10.3., 11 Uhr)




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