Letztes Update am Di, 12.03.2019 06:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Roman „Von allen Seiten“ - Verstörendes Crime-Drama aus Norwegen



Wien (APA) - Die Söhne schnüffeln Benzin, der geizige Vater prügelt Frau und Kinder, die Mutter ist psychotisch, der Onkel ein Verbrecher und Gelegenheitspornodarsteller: Tore Renberg, ein Art norwegischer Irvine Welsh, hat um diese Familie ein temporeiches, actiongeladenes, manchmal witziges, aber im Grunde zutiefst verstörendes Drama verfasst. „Von allen Seiten“ heißt der neue Roman des 46-jährigen Autors.

Im Mittelpunkt der Story aus der norwegischen Provinz stehen die Brüder Ben und Rikki, benannt nach den Sängern der Cars, weil der Vater in den 80ern Vorsitzender des örtlichen Fanclubs der Band war. Während der jüngere der beiden Burschen sich lediglich Gedanken macht, ob er von Benzin auf Imprägnierspray umsteigen sollte, plant der ältere, Ben, die Zukunft: Er will nicht nur von zu Hause ausreißen, sondern den reichen Vater, der jede Menge Schwarzgeld versteckt haben soll, bestehlen. Dabei könnte ja Onkel Rudi, Umzugsunternehmer und Einbrecher, helfen...

„Von allen Seiten“ ist Milieu- und Sozialstudie mit einer Vielzahl an starken Charakteren, aber auch eine Gangsterposse, die sich auf einen Coup mit vorprogrammiertem Blutvergießen zuspitzt. Im Grunde fühlen sich alle auftretenden Figuren missverstanden und/oder sie befinden sich auf der Suche nach Anerkennung bzw. träumen sie von einer besseren Zukunft. Sie wagen ihre Gefühle nicht nach außen zu tragen und haben Angst vor Veränderungen - ob es sich nun um den Heavy Metal Freak Rudi handelt, für den allein Haareschneiden zum revolutionären Akt wird, oder um die körperlich wie seelisch misshandelte Mutter, die dem früheren Familienglück nachhängt.

Renberg hat seinen ganz besonderen Stil zwischen Hardboiled, Pulp, Popkultur und Ernsthaftigkeit gefunden. In den Dialogen seiner Figuren vermischt er Umgangssprache mit Worten oder Halbsätzen auf Englisch, manchmal garniert mit Zitaten aus Metal- oder Country-Liedtexten. In der Übersetzung holpert das zwangsläufig ein wenig. Besonders für österreichische Leser ist der Mix aus Norddeutsch und Englisch gewöhnungsbedürftig. Aber Renberg erzählt zu packend, zu intensiv und zu unterhaltsam, um sich daran lange zu stören.

Kenner des Vorgängerromans „Wir sehen uns morgen“ treffen einige daraus bekannte Figuren wieder, knüpft Renberg doch lose daran an. Die Vermutung liegt nahe, dass der Schriftsteller und Musiker aus Stavanger mit der Besetzung aus „Von allen Seiten“ noch mehr vorhat und die Odyssee der Brüder irgendwann um weitere Kapitel reicher werden könnte.

(S E R V I C E - Tore Renberg: „Von allen Seiten“, aus dem Norwegischen von Elke Ranzinger, Verlag Heyne Encore, 544 Seiten, 24,70 Euro)




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