Letztes Update am Di, 12.03.2019 16:15

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Boeing-Krise spitzte sich zu: Weitere Startverbote nach Absturz



Chicago/Addis Abeba (APA/dpa) - „Ein bereits sicheres Flugzeug noch sicherer machen“ - das will der US-Luft- und Raumfahrtriese Boeing mit einem bevorstehenden Software-Update erreichen. Doch nach zwei tödlichen Abstürzen neuer Maschinen binnen eines halbes Jahres sind die Zweifel an der Sicherheit der Baureihe 737 Max inzwischen so groß geworden, dass etliche Staaten und Airlines die Jets vorerst am Boden lassen.

Das stürzte Boeing nicht nur in eine tiefe Imagekrise: Die 737-Max-Serie ist der gefragteste Flugzeugtyp des Airbus-Rivalen. Bei andauernden Problemen könnten auch massive Umrüstungskosten und Geschäftseinbußen drohen. Unterdessen wurde der internationale Flugverkehr aus Furcht vor weiteren Zwischenfällen zunehmend in Mitleidenschaft gezogen.

Am Dienstag erließen unter anderem Großbritannien, Australien und der südostasiatische Stadtstaat Singapur - eines der wichtigsten Drehkreuze der Luftfahrt weltweit - Startverbote für die noch relativ neuen Maschinen der Serie Boeing 737 Max. Die europäische Luftfahrtbehörde EASA kündigte für Dienstagabend eine Mitteilung an.

Der weltgrößte Reisekonzern Tui kündigte infolge des Flugverbots in Großbritannien die vorübergehende Stilllegung seiner 15 Flugzeuge vom Typ Boeing 737 Max 8 an. Auch die Billigfluggesellschaft Norwegian wird ihre 18 Maschinen vorerst außer Betrieb nehmen.

Infolge des Absturzes einer Boeing 737 Max 8 von Ethiopian Airlines, bei dem am Sonntag 157 Menschen ums Leben kamen, ist nun etwa die Hälfte der gesamten Baureihe bis auf Weiteres aus dem Verkehr gezogen worden. Seit 2017 wurden rund 350 der Flieger ausgeliefert. Viele Länder folgen diesmal nicht - wie üblich - der Linie der US-Luftfahrtbehörde FAA. Diese verhängte vorerst kein Startverbot für die Maschinen. „Diese Untersuchung hat gerade erst begonnen, und uns liegen bisher keine Daten vor, um Schlussfolgerungen zu ziehen oder Maßnahmen zu ergreifen“, teilte die FAA am Montag (Ortszeit) mit.

Die US-Behörde kündigte jedoch an, sie werde „geeignete Maßnahmen ergreifen, wenn die Daten darauf hindeuten, dass dies erforderlich ist“. Nach dem Absturz einer Boeing 737 Max 8 im Oktober in Indonesien mit 189 Todesopfern Jahr gab es der FAA zufolge bereits zahlreiche technische Prüfungen und Maßnahmen. Im Zentrum der Untersuchungen stand bisher ein umstrittenes System zur Flugkontrolle, das laut Unfallermittlern eine entscheidende Rolle beim Crash in Indonesien gespielt haben könnte. Boeing versprach nun eine Verbesserung der Steuerungssoftware, die in den kommenden Wochen bei sämtlichen 737-Max-Maschinen aufgespielt werde.

US-Präsident Donald Trump sprach sich inzwischen gegen den Einsatz von zu viel Computertechnologie in der Luftfahrtbranche aus. „Flugzeuge werden viel zu kompliziert zum Fliegen“, schrieb Trump am Dienstag auf Twitter, ohne Boeing zu erwähnen. Statt Piloten brauche es heutzutage Computerspezialisten. Doch diese Komplexität berge Gefahren, so Trump. „Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich will keinen Albert Einstein als meinen Piloten. Ich will großartige Flugprofis, die einfach und schnell die Kontrolle über ein Flugzeug übernehmen dürfen“, schrieb er.

Einige Luftfahrtbehörden und Fluggesellschaften wollen nicht bis zum nächsten Boeing-Update warten. China und Indonesien hatten den neuen Boeings bereits am Montag ein Startverbot erteilt. Chinas Luftfahrtbehörde hatte in der Begründung darauf verwiesen, dass es bei beiden Unglücken „gewisse Ähnlichkeiten“ gegeben habe.

Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ) verwies am Rande einer Pressekonferenz am Dienstag in Wien erneut auf die Zuständigkeit der EASA und meinte, dass in Österreich jedoch konkret immer jedes einzelne Flugzeug gecheckt wird. Im Fall der Boeing 737 Max 8 dürfte es Probleme bei der Software geben, meinte Hofer. Dabei handle es sich jedenfalls um „eine Sache, die schwerwiegend ist“ und für Boeing noch „ein großes Problem“ werde. Allerdings ging der Minister davon aus, dass der Flugzeughersteller dieses „rasch in den Griff bekomme.

Die Boeing 737 Max 8 von Ethiopian Airlines war am Sonntag auf dem Weg nach Nairobi kurz nach dem Start in Addis Abeba abgestürzt. Die Flugschreiber wurden inzwischen am Absturzort gefunden. Unter den Absturzopfern waren drei Österreicher und ein in Kärnten tätig gewesener evangelischer Pfarrer aus Deutschland.

Die Boeing 737 ist das meistverkaufte Verkehrsflugzeug der Welt. Die 737-Max-Reihe ist die neueste Variante des Verkaufsschlagers. Der US-Hersteller hat bereits mehr als 350 Maschinen ausgeliefert und sitzt auf prall gefüllten Auftragsbüchern mit Tausenden Bestellungen. An der Börse ließ der große Ausverkauf der Boeing-Aktie zwar nach, doch die Nervosität der Anleger bleibt hoch. Im frühen US-Handel fiel der Kurs um rund fünf Prozent. Die Papiere des europäischen Erzrivalen Airbus profitierten hingegen leicht, hier näherte sich der Kurs mit einem Plus von gut einem Prozent dem Rekordhoch vom 1. März.

Es ist nicht das erste Mal, dass Boeing-Maschinen wegen Sicherheitsrisiken in großem Stil nicht starten. Im Jänner 2013 hatte die US-Luftfahrtbehörde FAA nach einer Reihe von Pannen ein Flugverbot für Boeings damaligen Vorzeigeflieger „Dreamliner“ verhängt. Vorausgegangen war eine Notlandung des Langstreckenjets in Japan, nachdem eine Batterie durchgeschmort war. Diesmal dürften die Folgen jedoch deutlich schwerwiegender sein, Boeing hatte damals lediglich 50 „Dreamliner“ ausgeliefert, die 737-Max-Jets sind wesentlich stärker verbreitet.




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