Letztes Update am Mi, 13.03.2019 10:13

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Irdische Gerichtsbarkeit: Sechs Jahre Haft für Kardinal Pell



Melbourne (APA/dpa) - So ist sie nun einmal, die irdische Gerichtsbarkeit. Ein schmuckloser Saal mit 120 Leuten, besetzt bis auf den letzten Platz. Ein Richter, der alle noch einmal eine Stunde auf die Folter spannt, bevor er in seinem Urteil zum Ende kommt. Ein einstmals sehr mächtiger Mann mit zwei künstlichen Kniegelenken, der dann trotzdem aufstehen muss, um das Verdikt entgegenzunehmen.

Und eine Kamera, die das alles hinaus in die ganze Welt überträgt. So erfährt der australische Kurienkardinal George Pell am Mittwoch in Melbourne, dass er sechs Jahre ins Gefängnis soll, weil er vor langer Zeit, noch als Erzbischof der Millionenstadt, zwei Chorknaben sexuelle Gewalt angetan hat. Frühester Entlassungstermin: Ende 2023. Jeder weiß, was das für einen Mann von 77 Jahren bedeuten kann: Haft bis zum Ende des Lebens. Pell verzieht trotzdem keine Miene. Eine Frau ruft „Halleluja!“ in den Saal.

Damit ist ein Prozess zu Ende, wie es ihn in der Geschichte der australischen Justiz und auch der katholischen Kirche noch nie gegeben hat. Pell - mit fast zwei Metern immer noch von riesiger Statur, auch wenn er inzwischen am Stock geht - ist der ranghöchste Geistliche, der jemals wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen verurteilt wurde. Als Finanzchef von Papst Franziskus war er noch bis in den Februar hinein die Nummer drei des Vatikans.

In früheren Jahren hätte die katholische Kirche über jemanden wie ihn ihre schützende Hand gehalten - und sehr wahrscheinlich hätte es geholfen. Damit ist es nun vorbei. All die Missbrauchsskandale in den verschiedensten Ländern haben den Katholizismus in eine schwere Krise gestürzt. Der Vatikan will nun noch abwarten, ob Pell in der Berufung einen Freispruch erreichen kann. Wenn nicht, verliert er womöglich noch mehr: auch all seine Titel, auch das Priesteramt.

Die Fälle, um die es geht, liegen mehr als 20 Jahre zurück. Kurz vor Weihnachten 1996 - so das Gericht - ertappte Pell in Melbournes St.Patrick‘s-Kathedrale zwei Chorknaben dabei, wie sie Messwein tranken. Richter Peter Kidd liest das noch einmal in aller Ausführlichkeit vor. Wie Pell zu den 13-Jährigen sagte: „Jetzt seid Ihr in Schwierigkeiten“, sie in die Sakristei holte, sie sexuell belästigte. Wie er einen der beiden ein paar Wochen später nochmals anging. Pell hört sich das alles ohne sichtbare Regung an.

Im Lauf der Jahre gab es immer wieder Gerüchte, auch über andere Dinge, die auch in den Vatikan gelangten. Trotzdem machte ihn Franziskus 2014 zum Präfekten des Wirtschaftssekretariats. Pell gehörte zum konservativen Lager. Mit seinen Meinungen zu Abtreibung, künstlicher Befruchtung oder Homosexualität war er für manche eine Hassfigur. Einmal sagte er: „Abtreibung ist ein schlimmerer moralischer Skandal als Priester, die Kinder sexuell missbrauchen.“

Im Prozess schwieg er dann jedoch - abgesehen davon, dass er sich als „nicht schuldig“ bekannte. Aus taktischen Gründen verzichtete Pell darauf, vor den Geschworenen in den Zeugenstand zu gehen; auch nachdem vergangenes Jahr eine neue Jury eingesetzt wurde, weil sich die erste nicht auf ein Urteil verständigen konnte. Ob aus eigener Überzeugung oder auf Anraten seiner Anwälte, weiß man nicht. Grundlage für seine Sicht der Dinge war somit das Video einer Vernehmung. Darin wies er alle Vorwürfe barsch zurück.

Demgegenüber ließ sich einer der beiden einstigen Chorknaben vom Gericht vier Tage lang ausführlich befragen. Der andere konnte nicht mehr angehört werden: Er starb vor einigen Jahren an einer Überdosis Rauschgift. Der Hauptbelastungszeuge - inzwischen Mitte 30, im Prozess nur „J“ genannt - machte offenbar einen sehr glaubwürdigen Eindruck. So stand Aussage gegen Aussage: „J“ gegen den Kardinal. Die Entscheidung fiel eindeutig aus. Von zwölf Geschworenen sprachen alle zwölf Pell schuldig, in insgesamt fünf Punkten.

Auch Richter Kidd lässt in seiner Urteilsbegründung keinen Zweifel daran, dass dessen Schuld für ihn erwiesen ist. Er nennt Pells Vorgehen „dreist“ und „atemberaubend arrogant“. Trotzdem bleibt er deutlich unter der möglichen Höchststrafe von 50 Jahren - wegen des Alters, der Gesundheit, der Lebensleistung und auch weil „kein Risiko einer Wiederholungstat“ bestehe. Den Vorwurf von Pells verschiedenen Fürsprechern, der Kardinal werde zum „Sündenbock“ für Verfehlungen der gesamten Kirche gemacht, weist er scharf zurück.

Der Kardinal kann jetzt nur noch auf ein Berufungsverfahren hoffen. Vermutlich im Juni fällt die Entscheidung, ob es dazu kommt. Tatsächlich halten es viele für möglich, dass das Ganze doch noch mit einem Freispruch endet. Auch „J“ zweifelt, ob das Urteil Bestand haben wird. In einer Erklärung, die er über seine Anwälte verbreiten lässt, heißt es: „Alles wird überschattet von der bevorstehenden Berufung. Ich warte wie jeder Andere darauf, wie sie ausgehen wird.“

Einstweilen hat das Urteil aber Bestand. Noch im Saal wird Pells Name ins australische Register der verurteilten Sexualstraftäter eingetragen. Er selbst muss unterschreiben. Dann bringen ihn sechs Beamte ins Gefängnis. Auf Handschellen, wie das sonst üblich ist, verzichten sie.




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