Letztes Update am Mi, 13.03.2019 11:32

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kriegsfolgenforschung: Neuer Standort und neue Leiterin in Graz



Graz (APA) - Forschungen über Kriegsgefangene in der ehemaligen Sowjetunion und zur Zwangsarbeit in der „Ostmark“ machten das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung (BIK) in Graz bekannt. Seit dem Vorjahr wird es von Barbara Stelzl-Marx geleitet. Kürzlich ist das BIK in die Nähe der Uni Graz gerückt, wo die neue Leiterin seit Jänner eine Stiftungsprofessur für europäische Zeitgeschichte innehat.

Das vom österreichischen Historiker Stefan Karner initiierte BIK ist seit mehr als 25 Jahren eine wichtige Anlaufstelle für Menschen, die Näheres über das Schicksal von Menschen in den Wirren und Folgen des Zweiten Weltkrieges erfahren wollen. Es war im Jahr 1991, als der Grazer Historiker als erster westlicher Forscher Zugang zu den damals noch streng geheimen sowjetischen Archiven erhielt. In ihnen lagerten die Personalakten von rund 130.000 Österreichern, die während des Zweiten Weltkrieges in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten waren. Mehr als 10.000 Österreicher haben schon bald danach über das Grazer Institut Auskunft über das Schicksal ihrer in sowjetischer Gefangenschaft festgehaltenen Angehörigen bekommen, sagte Stelzl-Marx. In den Jahren seither seien noch Tausende Auskünfte hinzugekommen.

Die Grazer Zeithistorikerin (geb. 1971) arbeitet selbst seit 1993 am BIK und hat etwa auch das Schicksal von sowjetischen Kriegsgefangenen in deutscher Hand erforscht. Im Jahr 2010 habilitierte sie sich an der Universität Graz mit einer Arbeit zur sowjetischen Besatzung in Österreich 1945-1955. Zuvor studierte sie Geschichte, Anglistik und Slawistik in Graz, Moskau, Wolgograd und Oxford.

Aktuell leitet Stelzl-Marx, die mit dem Institut den zeithistorischen Blick nach Osten weiter beibehalten will, unter anderem ein EU-Projekt zu „Children Born of War“. Darin untersucht sie mit internationalen Kollegen die Auswirkungen von Kriegen und bewaffneten Konflikten des 20. Jahrhunderts auf das Leben von Kindern und insbesondere von Besatzungskindern. „Sie galten lange Zeit als Kinder des Feindes und waren von einer Mauer des Schweigens umgeben“, sagte Stelzl-Marx im Gespräch mit der APA. Mit Unterstützung des Grazer Instituts können sie nach ihren Wurzeln suchen. Allerdings an einem neuen Standort: Vor wenigen Wochen ist das Institut von der Schörgelgasse nahe der TU in die Liebiggasse 9 am Campus der Universität Graz übersiedelt.

Das hängt auch mit der an der Universität Graz neu eingerichteten Stiftungsprofessur der Ludwig Boltzmann Gesellschaft zusammen: Stelzl-Marx ist seit Anfang 2019 Professorin für europäische Zeitgeschichte mit dem Schwerpunkt Konflikt- und Migrationsforschung an der Universität Graz. Die Professur wird im Zuge einer neuen Partnerschaft des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung mit der Uni Graz und der Stadt Graz gemeinsam finanziert. Ihre Antrittsvorlesung zum Thema „Kinder des Krieges“ wird Stelzl-Marx am 22. März halten. Gleichzeitig werden die neuen Institutsräumlichkeiten, aktuelle Forschungsergebnisse und die künftigen Forschungsvorhaben vorgestellt.

Fünf Programmlinien bilden die aktuellen Schwerpunkte des BIK: Cold War Studies, Kriegsfolgen, Migration, Erinnerung/Digitalisierung sowie Children Born of War, wie die BIK-Leiterin ausführte. Neben dem Hauptstandort in Graz gehören auch Filialen in Wien und Raabs (Niederösterreich) zum Institut, an dem zurzeit rund 15 wissenschaftliche Mitarbeiter forschen.

( S E R V I C E - Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung: Institutsvorstellung, Forschungskolloquium und Antrittsvorlesung von Barbara Stelzl-Marx, 22. März, RESOWI Zentrum, Universität Graz. http://bik.ac.at/ )




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