Letztes Update am Mi, 13.03.2019 16:02

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Rural Moves“ in Wien: Architektur-Akupunktur gegen Chinas Landflucht



Wien (APA) - Ab Mittwochabend zeigt das Architekturzentrum Wien (Az W) im Rahmen der Ausstellung „Rural Moves - The Songyang Story“ anhand von Modellen ein wegweisendes kooperatives Projekt rund um Landflucht im heutigen China. Bis zum 23. April können die punktuellen, minimalistischen architektonischen Eingriffe besichtigt werden, die in der Region ein nachhaltiges, sozio-ökonomisches System etablierten.

Während Chinas Städte aus allen Nähten platzen, kämpfen ländliche Regionen wie der in der wirtschaftlich starken südöstlichen Provinz Zheijang gelegene Landkreis Songyang um ihre Existenz. Trotz infrastruktureller Investitionen der Regierung intensivierte sich die Landflucht. Auch die zahlreichen, für Millionen Menschen hochgezogenen Städte in ganz China erzielten nicht den gewünschten Entlastungseffekt, sondern förderten das Verschwinden landwirtschaftlicher Flächen. Genehmigungen, vom Land in die Stadt zu ziehen, werden nicht mehr erteilt, hieß es bei der Pressekonferenz am Mittwochvormittag in Wien. Fünf Millionen Migranten in Beijing verfügen nur über eine begrenzte Aufenthaltserlaubnis.

„In vielen Dörfern leben nur noch die Großeltern mit ihren Enkelkindern, die mangels urbaner Schulplätze von ihren abgewanderten Eltern zurück aufs Land geschickt werden“, erklärte Kurator Eduard Kögel. „Die Ausstellung soll verdeutlichen, was Architektur beitragen kann, um auf mehreren Ebenen gleichzeitig ein interdisziplinäres Problem nachhaltig zu lösen“, fügte Angelika Fitz, Direktorin des Architekturzentrums, hinzu.

„Wir haben versucht, durch minimale, architektonische Akupunktursetzungen eine Bewegung in Gang zu setzen, der sich mittlerweile immer mehr Menschen angeschlossen haben und die der Region wieder neue Perspektiven eröffnen“, berichtete die Architektin Xu Tiantian von ihrer Arbeit mit der lokalen Politik und Bewohnern Songyangs. In der Ausstellung werden sechs der 20 realisierten Projekte als Modelle gezeigt. Außerdem erfahren die Besucher durch Filme, wie es zu den einzelnen Projekten kam, welchen Zweck sie erfüllen und welche Auswirkungen sie auf die Region und das Zusammenleben der jeweiligen Dorf- und Nachbargemeinschaften hatten.

Darunter eine Zuckermanufaktur, in der die Produktion der Dorfgemeinschaft gebündelt wurde, eine wieder zugänglich gemachte Brücke, um Dörfer zusammenzuführen, oder ein Museum, das der Minderheit der Hakka Raum für Repräsentation und gesellschaftlichen Diskurs zur Verfügung stellt. „Alle Projekte wurden in Absprache mit der lokalen Bevölkerung realisiert“, man setzte auf regionale Materialien und Arbeiter aus der Region, so Angelika Fitz im Gespräch mit der APA. In leer stehenden Häusern wurden Workshops angeboten, um die traditionelle Handwerkskunst der Region zu erlernen. Dies setzte eine Bewegung in Gang, an der sich immer mehr Dorfgemeinschaften beteiligten. Mittlerweile kehrten auch viele ausgewanderte Generationen zurück in ihre Heimat, um ihr eigenes Geschäft aufzubauen.

Die Ausstellung wird von mehreren Führungen begleitet: Den Anfang macht die Architektin Xu Tiantian am Donnerstag (14. März) um 17:30 (in Englisch). Ebenso bietet die chinesische Architektin und Künstlerin Xian Zheng eine Dialogführung an (ebenfalls in Englisch).

(S E R V I C E: „Rural Moves - The Songyang Story“, Ausstellung, Eröffnung: 13. März um 18 Uhr, Ausstellungsdauer bis 23. April, Architekturzentrum Wien, Museumsplatz 1, Wien 7., Öffnungszeiten: Mo-So von 10-19 Uhr, https://www.azw.at/de/termin/rural-moves-the-songyang-story; Weitere Ausstellungsführungen am 20. März und 3. April, jeweils um 17:30 und 13. April um 15 Uhr)




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