Letztes Update am Do, 14.03.2019 08:53

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tischlerhandwerk statt Möbeldesign: „Die Stühle“ im Akademietheater



Wien (APA) - Am Ende verbeugte sich im Kreis von Schauspielern und Team nur Einspringer Leander Haußmann. Als er sich sein Sakko aufknüpfte, wurde darunter ein „Peymann“-T-Shirt sichtbar. Der ehemalige Burgherr hat seine Erkrankung noch nicht überwunden und verpasste am Mittwoch die Premiere seiner vielleicht letzten Akademietheater-Inszenierung. „Die Stühle“ erwiesen sich freilich als recht bieder gezimmert.

Die meiste Zeit in diesen 90 Spielminuten sehen „Die Stühle“ nach solidem und unaufregendem Tischlerhandwerk und nicht nach frechem und frischem Möbeldesign aus. Die Bühne von Gilles Taschet könnte auch für ein Stück namens „Die Türen“ gebaut sein: Acht davon gibt es in zwei spitzwinkelig nach hinten laufenden Stellwänden, an die zwei hohe Leitern gelehnt sind. Diese fungieren auch als Art Ausguck. Von hier aus lassen sich offenbar die Überreste der Welt in Augenschein nehmen, ein Meer, das die vermeintliche Insel umgibt. Paris sei vor 400.000 Jahren untergegangen, heißt es einmal, und das Rauschen der Brandung ist in stillen Momenten ebenso zu vernehmen wie Musikfetzen. Zivilisation - das sind nur noch Erinnerungsreste.

Maria Happel und Michael Maertens sind das angeblich seit 75 Jahren verheiratete alte Paar, das in seinen Ritualen gefangen ist. Zwei elegante Stummfilmfiguren, sie mit einem Hauch von Vamp (der auch eine kleine Cancan-Einlage gibt), er mit einem Anflug von Tramp (der minimale Zitate von Buster Keaton und Charlie Chaplin einarbeitet). Fliegend wechseln sie ihre Rollen: Tröstungen spendender Muttersatz und um seine Mama weinende Waisenknabe, bewundernde Gefährtin und verkanntes Genie. „Du bist sooo begabt“, lautet einer der wiederkehrenden Stehsätze, meist gefolgt von „Was hättest Du im Leben werden können...!“ Was das Duo in Pey- und Haußmanns Doppelregie von Eugene Ionescos tragischer Farce zeigt, ist manchmal rührend, meist unterhaltsam, aber nie überraschend.

Mit dem ersten Klingeln ändert sich die Stimmung und die beiden wechseln perfekt aufeinander eingespielt in die Gastgeberrolle - die Gäste materialisieren sich allerdings nur in der Fantasie der Zuschauer, die mit höflicher Konversation umgarnt werden. Happel und Maertens beherrschen das Komödienhandwerk, und die Regie vergrößert geschickt das Chaos. Immer mehr (imaginierte) Gäste brauchen immer mehr (reale) Stühle, da erhält Gastgeberin Semiramis gleich drei Doppelgängerinnen, die mithelfen. Plötzlich erscheint sogar der (natürlich ebenfalls fiktive) Kaiser - sein „Auftritt“ durch eine wegklappende Bühnenwand wird durch allerhand Licht- und Soundeffekte begleitet, einer der Stühle wird durch einen roten Polster zum Thron umfunktioniert.

Sie alle sind gekommen, um dem Gastgeber bei der Verkündung seines Lebenswerks zu lauschen. „Wenn man meinen Anweisungen folgt, retten wir die Welt“, tönt dieser, und dazu singt Leonard Cohen „Show me the place, help me roll away the stone / Show me the place, I can‘t move this thing alone...“ Weil der Meisterdenker aber zu schüchtern ist, hat er einen Redner engagiert, der seine Gedanken vortragen soll. Der kommt auch tatsächlich - kann sich aber erst recht nicht verständlich machen. Ionesco, der sich eigener Interpretationen immer verweigert hat, macht es hier den Theaterpraktikern bei der Realisierung besonders schwer.

Auch Peymann und Haußmann ist keine schlüssige Auflösung des Schlusses gelungen. Als Redner erscheint Mavie Hörbiger in Mantel und Hut, darunter ein Outfit, das sich am ehesten mit jener Grundmetapher verbinden lässt, die mit ein paar einsam herumhängenden Girlanden- und Luftballon-Resten schon den ganzen Abend über leise präsent ist: Als „großartiges, wahnwitziges Clownspiel über den Untergang der alten Welt“ hatte Peymann seine Inszenierung angekündigt, ein melancholisches Faschingsfest ist es geworden. Vor ihrem Abgang ins Licht holen die beiden Alten noch ein wenig Konfetti und ein Partyhütchen hervor, ehe die rätselhafte Rednerin zum finalen Publikums-Ratespiel antritt und Buchstaben mit Kreide an die schwarzen Türen und Wände schreibt: „Engelbrot“ liest man dann, oder: „Nwn“. Am Ende steht eine Abschiedsbotschaft: „Adieuapa“. Was man davon halten soll, fragt sich wohl nicht nur der APA-Kritiker.

(S E R V I C E - Eugene Ionesco: „Die Stühle“, Deutsch von Jacqueline Seelmann-Eggebert und Ulrich Seelmann-Eggebert. Regie: Claus Peymann / Leander Haußmann, Bühne: Gilles Taschet, Kostüme: Margit Koppendorfer, Mit Maria Happel, Michael Maertens und Mavie Hörbiger. Akademietheater. Nächste Vorstellungen: 16., 25., 31. März. Karten: 01 / 513 1 513, www.burgtheater.at)




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