Letztes Update am Do, 14.03.2019 16:08

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Die wilden 60er: Neue Bücher über Ingrid Wiener und die Wiener Gruppe



Wien (APA) - Die Wiener Gruppe zeichnete sich nicht eben durch ihren hohen Frauenanteil aus. Umso erstaunlicher, dass nun zwei Bücher von Frauen erschienen sind, die sich mit der Aufbruchszeit der 1960er-Jahre beschäftigen. Während sich Ida Szigethy mit vielen Faksimiles vor allem an ihre Beziehung zu Konrad Bayer erinnert, stehen in „Ingrid Wiener und die Kunst der Befreiung“ nicht die Männer im Mittelpunkt.

Die junge deutsche Journalistin Carolin Würfel erzählt in ihrem Porträtbuch viele wunderbare Geschichten über eine selbstbewusste Frau, die mitten drinnen war in der vielleicht wichtigsten künstlerischen Bewegung Österreichs der Nachkriegszeit. Schon als Teenager war die 1942 in Wien geborene Ingrid Schuppan eine außergewöhnliche Erscheinung. „Ingrid ist dreizehn und sieht aus wie zwanzig. Sie hat schulterlanges dunkelbraunes Haar, blaue Augen und die Figur eines Fotomodells“, schreibt Würfel. „Mit diesem Aussehen würde Ingrid den Unterricht stören und die Mitschüler vom Lernen abhalten, behauptete der Lehrer.“ Es kommt noch viel besser: Nachdem Ingrid sich im Urlaub der lästigen Jungfernschaft entledigt hat, nimmt sie sich einen wesentlich älteren Liebhaber. Als sie ihr Liebesleben dennoch als wenig befriedigend empfindet, wendet sie sich an einen Fachmann - einen Zuhälter, der ihr gratis Nachhilfeunterricht erteilt. Da war Ingrid gerade mal 15.

„Was war das für ein Mensch, der da durch das Wien der Fünfzigerjahre zog?“, fragt Würfel. „Da muss jemand unfassbare Lust auf das Leben gehabt haben und verdammt mutig gewesen sein.“ Es gelingt ihr in dem Buch tatsächlich ein sehr lebendiges Bild jener bleiernen Zeit zu zeichnen und gleichzeitig den unstillbaren Lebenshunger dieser Frau zu beschreiben, die auf Konventionen pfeift und sich vom unangepassten Künstlerleben magisch angezogen fühlt. Das Gymnasium schmeißt sie, die Handelsschule bringt sie irgendwie hinter sich. Doch Ingrid will weder in einem Büro versauern, noch als Muse bedeutender (oder sich bedeutend fühlender) Männer ihr Leben verbringen. Sie besucht daher die Textilschule, wo sie sich mit Waltraud Höllinger (die als VALIE EXPORT Karriere machen wird) anfreundet und Gobelins u.a. für Dieter Roth und Friedensreich Hundertwasser zu weben beginnt.

Unter den vielen Künstlern, in deren Umfeld sich die junge Frau bewegt, sind ihr zunächst Konrad Bayer und Ferry Radax am nächsten. Freie Kunst und freie Liebe, frei von Eifersüchteleien und Animositäten, lautet die Devise. Konrad und Ingrid spielen in Radax‘ surrealem Film „Sonne halt!“, der 1959 in Cinque Terre gedreht wird. Ein Filmstill aus dem vier Jahre später gedrehten Radax-Film „Am Rand“, auf dem Konrad Bayer beim Gitarrenspiel gezeigt wird, ziert das Cover eines zweiten Buches, das in jene Zeit führt: Unter dem Titel „chère ida“ hat Ida Szigethy (85), die 1960 Radax heiratete (Konrad Bayer und seine Frau Traudl waren Trauzeugen), Dokumente ihrer Beziehung zu Konrad Bayer versammelt: viele getippte Briefe, Autografen, Gedichte, Telegramme, Fotos.

Die Parallelen zur Geschichte der um neun Jahre jüngeren Ingrid Schuppan sind offenkundig: „Konrad Bayer bin ich 1951 im Wiener Art Club, dem sogenannten ‚Strohkoffer‘, erstmals begegnet. Ich besuchte noch das Gymnasium und versuchte, so oft wie möglich in die aufregende Atmosphäre des Strohkoffers einzutauchen“, schreibt Szigethy. „Es war kurz nach Kriegsende, Wien noch von den Alliierten besetzt und jede Art von Kunst, Kultur, Literatur, Film und Jazz war für uns ‚das‘ große Abenteuer. Wien war zerbombt, die Stadt ein Schutthaufen, grau und traurig. Wir aber waren jung - jung, lebendig, voller Passion und Neugierde.“

1964 nimmt sich Konrad Bayer das Leben - ein schockierendes Ereignis, das in beiden Büchern seinen Niederschlag findet. Während bei Ida Szigethy, die sich später von Radax scheiden ließ und als Autodidaktin zu malen begann, danach Abbildungen von ein paar ihrer später entstandenen Bilder eine Art Epilog bilden, ist der Selbstmord in der „Kunst der Befreiung“ nur eine traurige Etappe. Ingrid Schuppan und der damals noch bei Olivetti als Programmierer beschäftigte Dichter und Denker Oswald Wiener werden ein Paar und heiraten 1965 in aller Stille. Was in den kommenden Jahren folgt, ist nicht nur in die Kunstgeschichte eingegangen. Die zunehmende Radikalisierung des Wiener Aktionismus entlädt sich in der „Kunst und Revolution“-Aktion im Hörsaal 1 der Uni Wien. Die Polizei verfolgt die Teilnehmer dieser „Uni-Ferkelei“, auch Oswald Wiener muss für drei Monate in Untersuchungshaft. Im Juni 1969 veröffentlicht er sein Buch „die verbesserung von mitteleuropa, roman“, danach übersiedelten die Wieners nach Berlin.

Damit beginnt ein neuer Lebensabschnitt, bei dem Kulinarik im Mittelpunkt steht. Die Wieners eröffnen in Berlin legendäre Lokale, die dank Ingrids Kochkünsten den bisher vor allem auf Buletten und Würstchen angewiesenen Berlinern das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Ihr Restaurant „Exil“ wird Treffpunkt der Künstler, in dem sich auch internationale Stars wie David Bowie oder Peter O‘Toole wohlfühlen. „Ingrid Wiener war für mich ein großes Vorbild und hat mir durch ihren Lebensweg Mut gemacht“, wird Stieftochter Sarah Wiener - die im Buch nur am Rande erwähnt wird - auf der letzten Umschlagseite zitiert. „Ihre Küche ist wie sie selbst: leichtfüßig, unprätentiös, kreativ.“ Dass Ingrid und Oswald Wiener nach Berlin auch noch in der kanadischen Einöde in Dawson City ein weiteres Kapitel aufschlugen, zeigt Rastlosigkeit und Neugier der beiden. In „Ingrid Wiener und die Kunst der Befreiung“ bildet das viele Jahre dauernde Kanada-Abenteuer das leider auf wenigen kursorischen Seiten abgehandelte Schlusskapitel.

Carolin Würfel ist mit ihrem Porträt eine lebendige, warmherzige, doch nicht anbiedernde Annäherung an einen hoch interessanten Menschen gelungen. Am Montag sind bei der Buchpräsentation beide Frauen in der Wiener Charim Galerie im Gespräch zu erleben.

(S E R V I C E - Carolin Würfel: „Ingrid Wiener und die Kunst der Befreiung. Wien 1968

Berlin 1972“, Hanser Berlin, 192 Seiten, 22,70 Euro, ISBN 978-3-446-25861-7, Buchpräsentation: Mo., 18. März, 19 Uhr, Charim Galerie, Wien 1, Dorotheergasse 12; Ida Szigethy (Hg.): „chère ida - Konrad Bayer an Ida Szigethy“, Verlag Bibliothek der Provinz, 84 S., zahlreiche farb. u. S/W-Abb. und Faks., 20 Euro, ISBN 978-3-99028-789-7; http://www.ida-szigethy.info)




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