Letztes Update am Fr, 15.03.2019 09:48

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kraftvolle Düsternis: „Jacobowsky und der Oberst“ in der Josefstadt



Wien (APA) - Dunkle Räume, schwarze Wände, düstere Aussichten. Janusz Kica hat im Theater in der Josefstadt 75 Jahre nach der Uraufführung Franz Werfels „Jacobowsky und der Oberst“ als schnörkellose, aber ungemein mächtige Erzählung über die Themen Flucht, Religion und Freundschaft inszeniert. Die Premiere am Donnerstagabend wurde heftig akklamiert. Johannes Silberschneider begeistert in der Titelrolle.

Kein Schnickschnack, sondern Besinnung auf die Macht des Textes und detaillierte Charakterzeichnungen: Werfels im US-Exil verfasstes letztes Stück rund um den auf der Flucht vor den Nazis in Frankreich gestrandeten Juden Jacobowsky, der sich in der Not mit dem polnischen Offizier Stjerbinsky und dessen Gehilfen Szabuniewicz zusammentut, ist auch in dieser Inszenierung jene „Komödie einer Tragödie“ geblieben, als die der 1945 verstorbene Dichter sein Stück ausgeschildert hat. Im Angesicht des scheinbar sicheren Todes ist es stets der Humor, der das ungleiche Paar zusammenhält: Hier der geistvolle Jude, der es trickreich vermag, selbst den sie verfolgenden Nazis einen Kanister Benzin abzuluchsen, dort der derbe Soldat, der auf dem Weg zum letzten Schiff über den Atlantik unbedingt einen Umweg machen muss, um seine Geliebte Marianne in der Bretagne abzuholen.

Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger, der die Rolle des Obersts bereits 1997 an der Seite des damaligen Hausherrn Otto Schenk gespielt hat, ist auch diesmal ein kongenialer „Gegensatz“ zum rechtschaffenen Geschäftsmann Jacobowsky. Ihm zur Seite steht mit Matthias Franz Stein ein ergebener Offiziersbursche Szabuniewicz, Pauline Knof als französische Geliebte Marianne überzeugt in einer Rolle, der zu Beginn eine ordentliche Portion Naivität und Lieblichkeit anhaftet, die sie aber bald zu durchbrechen weiß, um rasch zur einzigen noch handlungsfähigen Protagonistin zu werden, die die beiden Männer mehr als einmal rettet. Die Reise, die das Trio von Paris bis an die Küste führt, bebildert Karin Fritz (Bühne und Kostüme) in einem sehr reduzierten Setting mit schwarzen Schiebewänden, schwarzen Treppen und ebensolchem Hintergrund.

Kica hat in seiner zweieinhalbstündigen Inszenierung auch Werfels zwei Dutzend Rollen umfassendes Personal übernommen, das das Dreiergespann auf seinem Weg in verschiedenen Szenen - von der zum Luftschutzkeller umfunktionierten Hotel-Waschküche über ein Café der Gestrandeten bis zum nächtlichen Hafen - begleitet. So geraten auch die Kurzauftritte von Ulli Maier als Hotel-Chefin Madame Bouffier über Alma Hasun als leidenschaftliche „leichte Person“ bishin zu Gerhard Kasal als allzu gutgläubigem deutschen Oberleutnant zu starken Szenen.

Die Wirrnisse des Krieges, die überraschenden Allianzen und plötzlich auftauchenden Gefahren, der Wert des richtigen Stempels und der Drahtseilakt des richtigen Tons im falschen Moment - all die düsteren Schattierungen, die Werfels von dessen eigener Flucht inspiriertem Text innewohnen, bringt Kica mit seinem hervorragenden Ensemble voll zur Geltung. Da braucht es keine Anbiederung an die Gegenwart - die Vergangenheit ist noch nicht so lange her, als dass man deren Grauen nicht in jeder Sekunden am eigenen Leib nachempfinden könnte.

Und doch sind es Themen wie Zusammenhalt und Feindseligkeit, Vertrauen und Misstrauen oder Liebe und Eifersucht, die „Jacobowsky und der Oberst“ auf der Metaebene zu einem zeitlosen Werk machen, das mühelos Assoziationen zu rezenten Fluchtbewegungen weckt. Egal ob Silberschneider als immer selbstloser werdender Geschäftsmann Jacobowsky, Föttinger als gebrochener Soldat mit polnischem Akzent, der ohne seine Uniform an innerlichem Format verliert, oder Pauline Knof als sich in der Extremsituation emanzipierende Frau: In der laufenden Spielzeit, in der Kica bereits mit Daniel Kehlmanns Dramatisierung von „Die Reise der Verlorenen“ ein Fluchtdrama im Gedenken an den Zweiten Weltkrieg inszeniert hat, ist „Jacobowsky und der Oberst“ ein weiterer starker Gedenkjahr-Beitrag des Theaters in der Josefstadt.

(S E R V I C E - „Jacobowsky und der Oberst“ von Franz Werfel im Theater in der Josefstadt. Regie: Janusz Kica, Bühne und Kostüme: Karin Fritz, mit u.a. Johannes Silberschneider, Herbert Föttinger, Pauline Knof und Mattias Franz Stein. Weitere Termine: 15., 23., 24. und 28. März sowie am 3., 8., 9., 18., 20. bis 22. April sowie im Mai und Juni. Infos und Karten unter Tel. (01) 42700-300 oder www.josefstadt.org)




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