Letztes Update am Fr, 15.03.2019 10:36

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Mindestens 49 Tote bei Angriff auf zwei Moscheen in Neuseeland



Christchurch/Wien (APA/dpa/Reuters) - Bei einem mutmaßlichen Terrorangriff auf zwei Moscheen in der neuseeländischen Stadt Christchurch sind mindestens 49 Menschen getötet worden. Das sagte der zuständige Polizeichef Mike Bush am Freitag in der Hauptstadt Wellington.

Zudem wurden durch Schüsse in den beiden Gotteshäusern mehrere Dutzend muslimische Gläubige verletzt. Die Gesundheitsbehörden teilten mit, 48 Menschen mit Schusswunden würden in verschiedenen Krankenhäusern behandelt. Laut der Polizei starben 41 Menschen in der Hauptmoschee von Christchurch (Al-Noor-Moschee) und sieben weitere in einem Gebetshaus in dem Vorort Linwood. Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern sprach von einem „terroristischen Angriff“.

Polizeichef Bush sagte, es seien vier Menschen festgenommen worden, wobei einer davon vermutlich nicht mit dem Angriff in Verbindung stehe. Einem anderen Verdächtigen, der Ende 20 sei, werde Mord vorgeworfen. Er soll bereits an diesem Samstag einem Richter vorgeführt werden. Bei den übrigen zwei Verdächtigen müsse noch genau geklärt werden, was sie mit dem Vorfall zu tun hätten. Sie seien im Besitz von Schusswaffen gewesen. Nach den Angaben der Polizei wurden drei Männer und eine Frau verhaftet.

Der genaue Ablauf der Attacke war auch nach Stunden noch unklar. Für den Inselstaat ist es eine der schlimmsten Gewalttaten der jüngeren Geschichte. Aus Sorge vor weiteren Angriffen riegelte die Polizei Schulen und andere öffentliche Gebäude stundenlang ab. An die Bevölkerung - insbesondere an Muslime - appellierte sie, zuhause zu bleiben: „Unter keinen Umständen sollte irgendjemand im Land jetzt zu einer Moschee gehen.“

Chef-Ermittler Bush betonte, die Polizei habe im Vorfeld der Tat keine Fehler gemacht. Ardern hatte zuvor gesagt, die Verdächtigen hätten auf keiner Gefährderliste gestanden.

Der australische Premierminister Scott Morrison bestätigte, dass einer der Verdächtigen Australier ist. Er sprach von einem „rechtsextremistischen gewalttätigen Terroristen“. Im Internet kursierte ein Video der Tat, das von dem 28-Jährigen stammt. Offenbar trug er dabei eine Helmkamera.

Nach Augenzeugenberichten begann der Angriff gegen 13.45 Uhr (1.45 Uhr MEZ). Ein bewaffneter Mann drang in eine Moschee in der Innenstadt ein, wo sich mehr als 300 Menschen zum Freitagsgebet versammelt hatten, und schoss mit einer Schnellfeuerwaffe um sich. Zeugen zufolge handelt es sich bei dem Täter um einen weißen Mann, der einen Helm und eine kugelsichere Weste trug. Später fielen auch noch in einer anderen Moschee Schüsse. Es war zunächst unklar, ob bei beiden Moscheen dieselbe Person am Werk war.

Einer der überlebenden Gläubigen, Mohan Ibrahim, berichtete der Zeitung „New Zealand Herald“ von einem „Schockmoment“. „Dann haben alle Leute angefangen davonzulaufen.“ Ein anderer Zeuge, Ahmad Al-Mahmoud, sagte: „Es fielen mindestens 50 Schüsse, sehr schnell hintereinander. Können auch Hunderte gewesen sein.“ Nach der Tat sperrte die Polizei das Gelände um die Moschee weiträumig ab. In einem Fernsehinterview sagte ein anderer Mann in einem blutbefleckten Hemd, er habe sich unter einer Bank versteckt und gebetet, dass der Angreifer aufhöre, zu schießen. „Die Schüsse gingen immer weiter, immer weiter.“ Als sie aufhörten, habe er gesehen, wie der Angreifer seine Waffe gewechselt habe.

In sozialen Medien wurden Aufnahmen verbreitet, deren Echtheit zunächst nicht bestätigt werden konnte. Darin war zu sehen, wie Gläubige zusammengekauert auf dem Boden einer Moschee lagen. Sie waren möglicherweise tot oder verwundet. Im Umfeld des Films wurde ein Text veröffentlicht, in dem ein Unbekannter einen „Angriff auf Invasoren“ ankündigt und sich rassistisch gegenüber Einwanderern äußert. Die Aufnahmen zeigen zunächst, wie ein Mann zu einer Moschee fährt, dort eindringt und über fünf Minuten lang wahllos auf Gläubige schießt. Der Film wurde offenbar mit einer Kamera gedreht, die sich der Angreifer an seinem Kopf befestigt hatte. Gezeigt wurden auch Waffen und Benzinkanister im Kofferraum.

Auf einem Video war auch zu sehen, wie mehrere bewaffnete Beamte einen Mann aus einem weißen Auto ziehen, das zuvor offensichtlich gerammt wurde. Nach Angaben von Polizeichef Bush wurden an mehreren Autos Sprengsätze entdeckt.

In Neuseeland mit seinen etwa 4,8 Millionen Einwohnern ist nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung muslimischen Glaubens. Insgesamt gibt es dort etwa 50.000 Muslime, viele davon Einwanderer aus Staaten wie Pakistan oder Bangladesch. Größte Religionsgruppe in Neuseeland ist das Christentum. Die Stadt Christchurch hat 350.000 Einwohner und liegt auf der Südinsel des Pazifik-Staats. Bürgermeisterin Lianne Dalziel sagte: „Alle sind geschockt. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas hier passieren kann.“

International lösten die Bluttaten Erschütterung und Solidaritätsbekundungen aus. In Österreich verurteilte Bundespräsident Alexander Van der Bellen die Gewaltakte als „eine schreckliche und barbarische Attacke auf Menschen, die beten (...) wollten. (...) Unsere Solidarität gilt den Menschen in Neuseeland, unser Mitgefühl ist bei den Opfern, deren Verwandten und Freunden“, twitterte das Staatsoberhaupt. Ähnlich äußerten sich vonseiten der Regierung Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Außenministerin Karin Kneissl (FPÖ).

( 0334-19, 88 x 110 mm)




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