Letztes Update am Fr, 15.03.2019 11:37

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Boden unter den Füßen“: Psychogramm einer Standhaften



Wien (APA) - Das Leben von Powerfrau Lola gerät ins Wanken, als ihre schizoide Schwester Conny nach einem Suizidversuch in die Psychiatrie kommt. Die toughe Unternehmensberaterin ist zwischen der Sorge um Conny und ihrem Willen, im Job weiter zu funktionieren, hin und hergerissen. Marie Kreutzer zeichnet mit „Der Boden unter den Füßen“ das Psychogramm einer Standhaften, deren Leben zerbröckelt.

Nach der Weltpremiere auf der heurigen Berlinale eröffnet der Film am Dienstag (19. März) auch die Diagonale 2019. Kreutzer hat dabei mit ihrem neuen Werk gleichsam die Antithese zu ihrem Vorgänger „Was hat uns bloß so ruiniert?“ geschaffen. Porträtierte die gebürtige Grazerin 2016 noch mit flockigem Ton eine ganze Gruppe von Jungeltern, steht bei „Der Boden unter den Füßen“ nun die Einzelfigur Lola (Valerie Pachner) im Fokus.

Die Endzwanzigerin funktioniert. Und das bestens. Ihr aktueller Auftrag als Unternehmensberaterin in Rostock scheint als Sprungbrett für den Traumjob in Australien ausgemacht. Für diesen steilen Karriereweg sind die dunklen Flecken im Privaten allerdings möglichst zu verbergen. Die Beziehung zu ihrer Teamleiterin Elise (Mavie Hörbiger) halten beide geheim, was sich in Down Under ändern soll. Dass Lola jedoch eine ältere Schwester (Pia Hierzegger) hat, die auf eine lange Geschichte psychischer Krankheit zurückblickt, darf niemand wissen.

Als Conny jedoch nach einem versuchten Selbstmord auf der Psychiatrie sitzt und ihre kleine Schwester als einzige Vertraute um Hilfe bittet, gerät Sand ins Räderwerk von Lolas Leben, das zwischen kurzen Hotelnächten, langen Arbeitstagen und Besuchen im Fitnessstudio besteht, um sich den Frust von der Seele zu strampeln. Lola droht den vermeintlich sicheren Boden in diesem ebenso rastlosen wie klar strukturierten Gang der Dinge zu verlieren. Die Wirtschaftsprüferin scheitert an der Lebensprüfung. Sie kann Conny nicht retten, sie muss sich selbst retten.

Diesen Zerfall eines Lebenskonzepts erzählt Kreutzer, die erneut auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnete, nüchtern, pathosfrei. Sie bleibt letztlich in der radikal subjektiven Perspektive ihrer Figur, vertraut oft schlicht auf Valerie Pachners ausdrucksstarkes Gesicht in der Großaufnahme (Kamera: Leena Koppe). Musik spielt in dieser Filmwelt praktisch keine Rolle - ebenso wenig der Humor. So erscheint „Der Boden unter den Füßen“ gleichsam als schwarzer Zwilling des Kassenerfolgs „Toni Erdmann“, in dem ebenfalls eine junge Unternehmensberaterin im Zentrum des Interesses steht, deren Vater sie jedoch mit Skurrilität aus ihrem emotionslosen Leben zu befreien sucht. Lola befreit niemand - auch hierfür ist sie selbst verantwortlich.

Die Drehbuchautorin Kreutzer scheint dabei streckenweise unentschlossen, ob sie mit ihrer Erzählung den Gang in den Psychothriller antreten will oder doch das Psychogramm dominieren lässt. Mancher Strang wird nicht fallengelassen, sondern im Fortschreiten der Geschichte schlicht vergessen - ob als bewusstes Offenhalten oder Schlampigkeit des Drehbuchs sei dahingestellt.

Zugleich erscheint so manches an der Welt, in der sich Lola bewegt, eindimensional betrachtet. Die Stärke des Films liegt stattdessen in kleinen Preziosen, Mikroszenen, die ohne viel Federlesen Situationen oder Charaktere einfangen, nicht auf lange Wortkaskaden setzen. So bleibt „Der Boden unter den Füßen“ schwankend auch für die Zuschauer, denen offen gehalten wird, wo sie selbst Halt finden.

(S E R V I C E - www.filmladen.at/film/der-boden-unter-den-fuessen/)




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