Letztes Update am Fr, 15.03.2019 11:37

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Das erste Jahrhundert des Walter Arlen“ als Hommage an Exilkomponist



Wien (APA) - Walter Arlen ist 98 Jahre alt. Aber wenn er erzählt, in weichem wienerischen Hochdeutsch, von seiner Kindheit in Ottakring, vom ersten Drangsalieren der Nazis, von der Flucht, vom Neuanfang, dann sprüht er vor Detailerinnerungen. „Das erste Jahrhundert des Walter Arlen“ nennt sich der Dokumentarfilm von Stephanus Domanig, der ab Freitag in den Kinos zu sehen ist.

Er erzählt vom bewegten Schicksal des spät berufenen Komponisten und langjährigen Musikkritikers der „Los Angeles Times“ - in ruhigen Bildern, sensibel mit seiner Musik verziert, in langen Gesprächen und als stumme Begleiterin, an seinem jahrzehntelangen Wohnort LA und bei der Rückkehr in die alte Heimat. Dabei befleißigt sie sich aber auch ein Stück zu sehr, Wien als Musterschüler der Versöhnung zu inszenieren. Da dürfen Minister und sonstige Honoratioren vorkommen, zieren lobenswerte Gedächtnisprojekte die Kulisse für die Wiederbegegnung, wird vor allem die demütige Dankbarkeit eingefangen, mit der man Arlen willkommen heißt und ihn als Exilkomponist genuin Wiener Zugehörigkeit in Besitz nimmt.

Das ist ein bisschen schade: Denn die Geschichte um den Ottakringer Kaufmannssohn, dessen Musikbegabung früh evident war, der sich unter Naziherrschaft und nach der Verhaftung des Vaters noch ein Jahr lang in Wien durchschlug, um seine suizidale Mutter zu beschützen, der ebenso hellsichtiger wie unverbitterter Zeitzeuge des dunkelsten Kapitels dieser Stadt ist, der sein Trauma, seine Unfähigkeit, nach dem Erlebten jemals wirklich glücklich zu sein, erst spät im Leben durch seine Kompositionen - vor allem Lieder - in eine überaus verständliche harmonische Sprache kleidete, diese Geschichte ist voll von tiefen Einsichten und kleinen Wundern. Denen hätte man noch dichter nachspüren und sich dabei viel plakative Versöhnlichkeitsrhetorik sparen können.

Arlens musikalische Ausdrucksweise trägt die Insignien eines Wieners in Amerika, vereint das intellektuelle Erbe der Moderne mit der unprätentiösen Melodiefreudigkeit in der Umgebung der Traumfabrik und ist damit beispielhaft für den schmerzlichen Abriss und Abwanderung der Wiener Musiktradition. Und seine persönlichen Erinnerungen an die Erniedrigung, die rohe Gewalt, die unverhohlene Missgunst, die ihm im Wien der Jahre 1938 und 1939 urplötzlich und unvergesslich entgegenschlug, tragen nicht zuletzt ob seiner aufgeschlossenen Haltung und seiner unverdrossenen, stets von Musik getragenen Zukunftsorientierung das Potenzial, nachhaltig zu berühren. Ein sehenswertes Dokument höchst lebendiger Zeitgeschichte.

(S E R V I C E - www.filmdelights.com/verleih/jahrhundertdeswalterarlen)




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