Letztes Update am Fr, 15.03.2019 12:13

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Am Mittwoch Urteil gegen bosnischen Ex-Serbenführer Karadzic



Den Haag/Sarajevo/Banja Luka (APA) - Am Mittwoch soll mit der Verkündung eines rechtskräftigen Urteils gegen den einstigen Serbenführer in Bosnien-Herzegowina, Radovan Karadzic, einer der wichtigsten Prozesse infolge der Balkankriege abgeschlossen werden. Im Berufungsverfahren hatte die Anklage eine lebenslange Haftstrafe für Karadzic gefordert, der Angeklagte plädierte für den Freispruch.

In erster Instanz war der bosnisch-serbische Ex-Präsident im April 2016 zu 40 Jahren Haft wegen des Völkermordes in Srebrenica und anderer Kriegsverbrechen verurteilt worden. Karadzic sei „strafrechtlich verantwortlich“ für die Tötung von 8.000 Männern und Burschen in der ostbosnischen Stadt, sagte damals der Senatsvorsitzende O-Gon Kwon.

Die Anschuldigungen gegen ihn würden jeder Grundlage entbehren, erklärte der frühere Präsident der Republika Srpska in seinem Schlusswort im Vorjahr. Kommende Woche wird die Entscheidung vor dem sogenannten „Internationalen Residualmechanismus für die Ad-hoc-Strafgerichtshöfe“ (MICT) in Den Haag, Nachfolger des UNO-Tribunals für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY), fallen.

Unter dem damaligen serbischen Militärchef Ratko Mladic - der vor demselben Gericht inzwischen in erster Instanz zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, stürmten serbische Truppen im Juli 1995 die UNO-Schutzzone Srebrenica und ermordeten 8.000 muslimische Burschen und Männer. Das Massaker von Srebrenica gilt als schlimmstes Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Wegen Srebrenica hatte das UNO-Tribunal mehrere lebenslängliche Urteile gesprochen.

Insgesamt wurde Karadzic in zehn von elf Anklagepunkten schuldig gesprochen, in einem Völkermord-Anklagepunkt wurde er aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Für die sieben ostbosnischen Gemeinden Kljuc, Sanski Most, Prijedor, Vlasenica, Foca, Zvornik und Bratunac gebe es keine Beweise, dass ein Völkermord stattgefunden habe, befanden damals die Richter.

Dem heute 73-Jährigen wurde unter anderem auch die jahrelange Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo und eine Kampagne zur Vertreibung bosnischer Muslime und Kroaten aus zahlreichen Städten des Landes zur Last gelegt.

Der Prozess gegen Karadzic hatte im Jahr 2009 begonnen, nachdem er ein Jahr zuvor nach jahrelanger Flucht in Belgrad festgenommen wurde, wo er als Heilpraktiker unter dem Namen Dragan Dabic tätig war und als solcher auch Vorträge hielt.

Insgesamt wurden im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 rund 100.000 Menschen getötet. Von vielen Kriegsopfern, auch jenen des Srebrenica-Massakers, fehlt weiterhin jede Spur.




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