Letztes Update am Fr, 15.03.2019 13:01

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Grazer Museum der Wahrnehmung würdigt Begründer der Konkreten Poesie



Graz (APA) - Was ist Konkrete Poesie? Und was Konkrete Kunst? Antworten darauf gibt die Ausstellung „Gomringer!“, die heute, Freitag, Abend im Grazer Museum der Wahrnehmung eröffnet. Der Dichter Eugen Gomringer gilt als Begründer der Konkreten Poesie, die aus der gleichnamigen Kunstströmung hervorging. Anhand der Werke von 27 Künstlern versucht die Schau, Verbindungen und Parallelen herzustellen.

„Es war die lange Freundschaft zwischen dem Museum und Eugen Gomringer, die den Weg zu seiner ersten Großausstellung bereitete“, erzählte die Museumsleiterin Eva Fürstner im Gespräch mit der APA. Gomringer trat regelmäßig als Gast und Redner bei Veranstaltungen des früher als öffentliche Badeanstalt genutzten achteckigen Gebäudes in Erscheinung. „In der neuen Ausstellung soll Eugen Gomringers Bedeutung im Kontext seines literarischen Schaffens und seiner Arbeit zum bildnerischen Konstruktivismus deutlich werden. Sie verweist auch auf den Ort des Museums der Wahrnehmung in seiner Präsentation konkreter, konstruktiver Kunst“, erklärte Kurator Werner Wolf.

In der Ausstellung vertreten sind etwa der britische Bildhauer Tony Cragg, der für seine raumgreifenden Plastiken internationale Anerkennung erlangte und sein Landsmann John Carter, dessen Malereien aus ihrem Bilduntergrund in den Raum treten. Auch heimische Künstler wie Helga Philipp (1939-2002) sind vertreten, die auch als Pionierin der Op-Art und Kinetischen Kunst galt. Jüngst wurde ihr im Zürcher Museum Haus Konstruktiv unter dem Titel „Poesie der optischen Transformation“ eine Ausstellung gewidmet.

Künstler und Dichter der konkreten Bewegung, deren Ursprung auf Anfang des 20. Jahrhunderts zurückgeht, haben seit den Zeiten des Bauhaus (1919) grenzüberschreitend gearbeitet. Der 94-jährige Eugen Gomringer setzt sich als Dichter seit den Fünfzigerjahren mit der konkreten Poesie und der konkreten Kunst auseinander. Sein 1954 publizierter Text „vom vers zur konstellation“ gilt als Manifest der Konkreten Poesie. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie mit Buchstaben oder Worten „konkrete“ Bilder zeichnet oder malt. Es geht nicht darum, Sinn oder Tiefsinn herzuleiten, sondern den Fokus auf das Spiel mit dem Material Sprache zu richten.

Diese dichterische Strömung wurzelt in der Bildenden Kunst und leitet ihren Namen von der Künstlergruppe „Art concret“ ab, darunter Theo van Doesburg. Aus jener Gruppe entwickelte sich die Initiative „Abstraction-Création“, der auch Wassily Kandinsky, Piet Mondrian, Hans Arp, El Lissitzky oder Robert und Sonia Delaunay angehörten. Konkrete Kunst kann als eine unmittelbare, nicht auf Vorkenntnisse aufbauende Kunstrichtung verstanden werden, ebenso wie die bildgewordene Sprache der Konkreten Poesie.

Eugen Gomringer wurde am 20. Jänner 1925 als Sohn einer Bolivianerin und eines Schweizers in Südamerika geboren und studierte in Rom und Bern Politologie, Ökonomie und Kunstgeschichte. Er war Leiter des Schweizerischen Werkbundes und unterrichtete in den Fachbereichen Theorie der Ästhetik und Poesie in Düsseldorf und Bamberg. Neben seinem Engagement im Rat der documenta war er auch viele Jahre als Werbetexter im Stile der Konkreten Poesie aktiv. Seine umfangreiche Sammlung konkreter Kunst und Poesie bildete die Basis des 1992 eröffneten Museums für Konkrete Kunst in Ingolstadt. Im Jahr 2000 gründete er das Institut für Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie im südfränkischen Rehau. Seine 1980 geborene Tochter Nora Gomringer wurde 2015 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Eugen Gomringer mit dem nur aus wenigen Zeilen bestehenden Gedicht „ciudad (avenidas)“ aus dem Jahr 1951 bekannt, das 2011 zu seinen Ehren an der Südfassade der Alice-Salomon-Hochschule Berlin angebracht wurde. Die letzte Zeile „Alleen und Blumen und Frauen und Bewunderer“ sorgte im Zuge der #metoo-Bewegung 2017/18 für Sexismus-Vorwürfe. Am Ende einer heftigen Debatte wurde das Gedicht übermalt und ziert nun eine private Häuserfassade in Rehau (Südfranken). In Berlin blieb nach der Fassadenrenovierung eine kleinformatige Version auf einer Tafel zurück.

Im Zuge der heutigen Ausstellungseröffnung wird Gomringer, der kürzlich seinen Vorlass dem schweizerischen Literaturarchiv übergab, auch eine Lesung halten. Workshops und Vorträge begleiten die bis 30. August geöffnete Ausstellung.

(S E R V I C E - „Gomringer!“, Ausstellung im Museum der Wahrnehmung MUWA, Graz, Friedrichgasse 41, Eröffnung: 15. März, 19.30 Uhr, Ausstellungsdauer bis 30. August, Öffnungszeiten: Mi-So 13-18 Uhr, https://www.muwa.at/ausstellungen-veranstaltungen-exhibitions-events /aktuell-actually/gomringer-2019; http://www.agomringerz.de/)




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