Letztes Update am Fr, 15.03.2019 18:16

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Terrorakt in Neuseeland - „Er hat geschossen, bis sie tot waren“



Christchurch (APA/AFP) - Die Schilderungen der Überlebenden lassen einen fassungslos zurück. Ganz ruhig sei der Schütze gewesen, berichten Augenzeugen über den Moschee-Attentäter im neuseeländischen Christchurch. Ruhig - und enorm kaltblütig: Von Raum zu Raum sei er gegangen, habe die verängstigten Menschen ins Visier genommen und erschossen, manche von ihnen aus nächster Nähe.

Dabei sorgte der Rechtsextremist selbst für die maximale Verbreitung seiner Bluttat: Er filmte sie auf Schritt und Tritt mit einer Kamera und übertrug sie per Livestream im Internet.

Die Überlebenden berichten über grausame Szenen in den beiden Moscheen, wo sich Muslime zum Freitagsgebet versammelt hatten. „Gleich hinter der Eingangstüre saßen ein paar ältere Leute und beteten. Er hat einfach das Feuer auf sie eröffnet“, sagt der Moscheebesucher Syed Mazharuddin dem „New Zealand Herald“. „Eine Frau hat geschrien. Er hat ihr direkt ins Gesicht geschossen.“

Auch Anwar Alanseh hat das Attentat überlebt, er sperrte sich im Badezimmer ein. Was er berichtet, ist herzzerreißend: Menschen hätten den Täter angefleht, ihr Leben zu schonen - vergeblich. „Er hat geschossen, bis sie tot waren.“ Der Schütze habe antimuslimische Beschimpfungen losgelassen und gerufen: „Heute bringen wir euch um“, berichtet Alanseh dem Internetportal stuff.co.nz.

In Panik sprangen manche Moscheebesucher aus dem Fenster, andere lagen auf dem blutverschmierten Boden und stellten sich tot.

Solche Szenen waren während der Tat live im Internet zu sehen: Der rechtsextremistische Täter trug eine kleine Kamera bei sich und dokumentierte damit in Echtzeit sein Verbrechen. Die Polizei rief alle Internetnutzer auf, das Video nicht weiterzuverbreiten. Die Aufnahmen wurden von den Websites entfernt.

Während der Attentäter seine Wahnsinnstat verübt, macht ein Bus vor der Moschee halt. Drinnen sitzen die Mitglieder des Kricket-Teams von Bangladesch, die während ihres Neuseeland-Besuchs zum Freitagsgebet wollten. Seine Spieler hätten gesehen, wie „blutende Menschen aus der Moschee kamen“, berichtete Manager Khaled Mashud.

„Es war wie in einem Video, wie in einem Film“, sagt Mashud. „Wenn wir nur drei oder vier Minuten früher da gewesen wären, dann wäre uns Schlimmes passiert.“

Auch der Einwohner Carl Pomare fuhr zufällig mit einem Kollegen während der Tat an der Al-Noor-Moschee vorbei. Sie hätten sofort angehalten und geholfen, ein verletztes fünfjähriges Mädchen in ein Auto zu laden und ins Krankenhaus zu bringen. „Mein Kollege hat sich um einen Mann gekümmert, der dann aber leider in seinen Armen starb“, sagte Pomare dem Sender RNZ. „Es war surreal.“

Bei dem Anschlag auf die beiden Moscheen werden an einem einzigen Tag 49 Menschen getötet. Das sind so viele, wie in Neuseeland normalerweise in einem ganzen Jahr Tötungsdelikten zum Opfer fallen. Die Kiwis - wie die Neuseeländer auch genannt werden - sind erschüttert und fassungslos. Doch eins stellen viele gleich von Anfang an klar: An ihrer offenen Gesellschaft soll sich nichts ändern.

Im Hagley Park von Christchurch versammeln sich Mitglieder der muslimischen Gemeinschaft in stiller Trauer. „Das ist der friedlichste, schönste Ort auf Erden, und das wird auch so bleiben“, sagt ein Palästinenser fast beschwörend über Christchurch.

Mit Tränen in den Augen und sichtlich unter Schock beschwört Christchurchs Bürgermeisterin Lianne Dalziel den Zusammenhalt: „Es sieht so aus, als sei das Schlimmste passiert, und wir müssen an einem Strang ziehen und die Situation bewältigen.“




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