Letztes Update am Sa, 16.03.2019 11:11

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Theaterzauberer und Eseldiebe: „Lamento allegro“ im Odeon



Wien (APA) - Ein Esel auf Rädern, ein Thespiskarren mit vielfältig nutzbarer Transportkiste, zwei Laufbänder und ein alter Filmprojektor - das sind jene Utensilien, um die herum das Serapions Ensemble im Wiener Odeon seine neue Kreation komponiert hat. „Lamento allegro“ hatte am Freitagabend seine gefeierte Premiere und zeigte aufs Neue Glück und Gefährdung dieses kollektiven Theaterzaubers.

In den 80ern begeisterten Erwin Piplits und Ulrike Kaufmann - dem Lebenswerk der 2014 verstorbenen Ausstatterin ist ab 2. April eine Ausstellung gewidmet - mit einer neue Art des Theaters: poetisch, bildhaft, musikalisch, kollektiv. Das hatte große Kraft und ebensolche Strahlkraft. Die Serapionten waren bald europaweit ein Begriff und eröffneten 1988 in der selbstrenovierten Kriegsruine des großen Saals der ehemaligen Getreidebörse ihre neue Spielstätte Odeon. In den vergangenen Jahren war das Lamento hier häufiger Gast: Kritiker lamentierten künstlerische Stagnation, der Prinzipal mangelnde politische Unterstützung.

Dass man das neue Stück (den Begriff Produktion mag Piplits, der im Juli seinen 80. Geburtstag feiert, gar nicht) „Lamento allegro“ und nicht wie zunächst angedacht „Der Freie, der Dieb, der Boss und das Urteil“ genannt hat, darf also durchaus selbstironisch interpretiert werden. Auch der Verbindung einer altägyptischen Parabel über Besitz und Freiheit, bei der ein bestohlener Oasenbewohner seine Klagen derart kunstvoll vorbringt, dass sich der Richter gar nicht satthören kann, mit einer herumziehenden Theatertruppe, die sich nicht mehr selbst vor ihren Karren spannen will, haftet wohl etwas Selbstreflexives an.

„Die Inszenierungen des Ensembles entstehen in freier Zusammenarbeit. Jeder kann sich einbringen und wird von den anderen angehört. Die vorgeschlagenen Ideen werden in freier Improvisation von allen anderen angenommen“, wird im Programmheft das Prinzip der Arbeit der Truppe beschrieben. Diese Freiheit birgt immer auch die Gefahr der Beliebigkeit. Und so wechseln auch an diesem „unter der Leitung von Max Kaufmann, Mario Mattiazzo und Erwin Piplits“ entstandenen 85-Minuten-Abend, dem man sich als Zuschauer einen roten Faden einweben kann, aber nicht muss, manche nichtssagende Szenen, deren Choreografien man schon gar oft gesehen zu haben meint, mit anderen, die einen überraschen und gefangen nehmen.

So uneinheitlich diesmal die zwischen Goran Bregovic, Philipp Glass und Richard Wagner schwankende Musikeinspielungen wirken, so leichtfüßig geht das Ensemble mit einfachen Theatermitteln um. Die Transportkiste als Wunderkästchen, ein sich mittels Elektro Board geisterhaft fortbewegender geheimnisvoller Mantelträger, ein Animationsfilm, der die Bühnenrealität auf ein aufgespanntes Tuch verlängert - das sind Augenblicke, die einen an das berühmte Theatre du Soleil der Ariane Mnouchkine erinnern und einen stolz machen, dass es auch in Wien einen Ort gibt, an dem der Theaterzauber, den andere ewig vergeblich beschwören, wenigstens momentweise glückt. Für diese Art von Glück braucht man kein weißes Kaninchen. Dafür genügt auch ein Drahtesel.

(S E R V I C E - „Lamento allegro“, Eine Inszenierung des Serapions Ensembles unter der Leitung von Max Kaufmann, Mario Mattiazzo und Erwin Piplits. Bühne: Max Kaufmann, Malerei und Objekte: Eva Grün, Mirjam Salzer, Max Kaufmann, Filmanimation: Mirjam Salzer, Eva Grün. Serapions Ensemble: Julio Cesar Manfugás Foster, José Antonio Rey Garcia, Elvis Grezda, Ana Grigalashvili, Mercedes Miriam Vargas Iribar, Miriam Mercedes Vargas Iribar, Zsuzsanna Enikö Iszlay, Mario Mattiazzo, Erwin Piplits, Gerwich Rozmyslowski, Sandra Rato da Trindade. Odeon, Wien 2, Taborstraße 10. Weitere Vorstellungen: 16., 20., 21., 27.-30.3., 3., 4., 11.-13., 17.-20., 24., 27.4., 1.-4., 8.-11., 15.-18., 22.-25.5., 5.-8., 13.-15.6., Karten: 01 / 216 51 27, www.oeticket.com; www.odeon-theater.at )

(B I L D A V I S O – Pressebilder stehen auf www.odeon-theater.at zum Download im Pressebereich bereit.)




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