Letztes Update am Mi, 20.03.2019 13:27

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Diagonale 2019 - „Refugee Lullaby“: Menschlichkeit zum Niederknien



Graz/Wien (APA) - „Refugee Lullaby“ ist ein Film, der einem das Herz bricht - und zugleich wieder zusammensetzt. Die israelische Regisseurin Ronit Kertsner porträtiert in ihrer Dokuarbeit den österreichischen Schäfer Hans Breuer, der 2015 für viele Flüchtende zum menschlichen Anker in ihrem Elend wurde. Am Mittwoch feierte der Film Weltpremiere auf der Grazer Diagonale.

Wanderschäfer in der heutigen Zeit und im heutigen Österreich zu sein, ist letztlich schon exotisch genug. Doch Hans ist überdies Jude, singt, komponiert, spielt leidenschaftlich jiddische Lieder mit seinem Trio WanDeRer und ist engagierter Fluchthelfer.

Hans - bereits siebenfacher Großvater - lebt mit seiner zweiten Partnerin Mingo und den beiden kleinen Kindern in einfachsten Verhältnissen in Bauwagen ohne fließendes Wasser. Und doch haben ihn die Berichte vom Flüchtlingselend so gerührt, dass er sich mit seinem Wagen an die Grenzen aufmacht, und Familien wenigstens ein paar Kilometer des Weges erspart. Er verteilt Essen und heißen Tee, hat Informationen für die Gestrandeten auf selbstkopierten Zetteln zusammengestellt, singt mit ihnen ihre und seine Lieder.

Es ist letztlich nichts Außergewöhnliches, sondern die scheinbar einfache Menschlichkeit, ein Miteinander. „Es geht mir nicht um Wohltätigkeit, es geht um Solidarität“, sagt Hans im Film. So ist er nicht nur ein Wanderschäfer, sondern auch ein Wanderer zwischen den Welten. Hier wird „Refugee Lullaby“ das Gleichnis eines Außenseiters, der der Gesellschaft den Weg zeigt.

Denn Hans ist ein guter Mensch. Ein Mensch, der sich richtig verhält. Aber er ist nicht der einzige. Und auch das zeigt der Film, wenn etwa Hans‘ Nichte Verena Krausneker als Mitbegründerin von „Shalom Alaikum - Jewish Aid for Refugees in Vienna“ zu Wort kommt. Ebenso wie bei Hans fühlt sie gerade aus der jüdischen Geschichte heraus die moralische Verpflichtung, Menschen in Not mit ihren Möglichkeiten zu Hilfe zu kommen.

Auf Hans aufmerksam wurde Regisseurin Ronit Kertsner, als sie ein Youtube-Video zu sehen bekam, in dem ein Mann einer arabischen Flüchtlingsfamilie in einem Auto ein jiddisches Wiegenland singt - Hans, wie sich herausstellte. „Mir war klar: Den Mann muss ich finden. Dahinter muss eine Geschichte stecken“, erinnerte sich die israelische Filmemacherin am Rande der Weltpremiere an den Beginn des Projekts.

„Ich wollte keinen weiteren Film über Flüchtende machen, sondern einen Film über die Menschen, die ihnen helfen und was sie bewegt“, umriss Kertsner ihren Ansatz. Während der Nazizeit hätten gerade die Juden die Erfahrung in der Region Mittel- und Osteuropa gemacht, dass sie von Nachbarn und Freunden verlassen wurden. Umso mehr habe sie nun die Motivation der Helfer interessiert.

So zeigt ihr Film nun die große Menschlichkeit, die sich im Angesichts der Not des Jahres 2015 offenbarte. Damit wirkt „Refugee Lullaby“ letztlich wie das Porträt einer anderen, einer vergangenen Epoche - und das ist er letztlich ja auch. Leider.

(S E R V I C E - Weitere Screenings bei der Diagonale am 23. März um 17.45 Uhr im Schubertkino. www.diagonale.at/films-a-z/?ftopic=finfo&fid=9419 Zugleich gibt Hans Breuers WanDeRer Trio am Mittwochabend ein Konzert in der Grazer Miles Jazzbar.)




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