Letztes Update am Sa, 23.03.2019 03:18

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Das Phantom der Hauptstadt



Washington (APA/AFP) - In aller Diskretion hat Robert Mueller seinen Abschlussbericht an das US-Justizministerium übergeben. Justizminister Bill Barr bestätigte am Freitag den Erhalt der Unterlagen. Bei ihm liegt die Entscheidung über den weiteren Umgang mit dem Bericht zur Russland-Affäre. Noch ist unklar, in welchem Ausmaß er die Öffentlichkeit über die Ermittlungsergebnisse informieren wird.

Während seiner fast zweijährigen Ermittlungen zu den Russland-Verbindungen von Donald Trumps Wahlkampfteam und möglicher Justizbehinderung durch den Präsidenten hatte der frühere FBI-Chef den Kontakt mit der Öffentlichkeit gemieden - war aber zugleich allgegenwärtig. Kurz nach der Abgabe des Abschlussberichts ließ Mueller seinen Sprecher erklären, er werde seine Tätigkeit als Sonderermittler in den nächsten Tagen beenden.

Über nichts war seit Muellers Einsetzung in der US-Hauptstadt so viel spekuliert worden wie darüber, was er ausgegraben und gegen Trump in der Hand haben könnte. Die Trump-Gegnerschaft hoffte, dass in Muellers Abschlussbericht der schlagende Beweis für illegale Machenschaften des Präsidenten steckt. Laut US-Medienberichten wird Mueller nun jedoch keine weiteren Anklagen empfehlen.

Trump selber hatte schon seit langem eine rhetorische Präventivkampagne gegen Mueller geführt. Während der Sonderermittler schwieg, tobte der Präsident. In ständigen Twitter-Tiraden warf er Mueller vor, eine „Hexenjagd“ zu betreiben und eine „Bande wütender Demokraten“ anzuführen. Dabei war Mueller bei seiner Einsetzung durch das Justizministerium im Mai 2017 nicht nur von der Opposition, sondern auch aus den Reihen von Trumps Republikanern mit Vorschusslorbeeren bedacht worden.

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Denn Mueller hatte sich über Jahrzehnte hinweg hohe Anerkennung als furchtloser, energischer und akribischer Jurist und Ermittler erworben - eine Reputation, die der Präsident zu zertrümmern versucht hat. Umfragen zeigen, dass Trumps Kampagne nicht völlig fruchtlos war. Zumindest an der republikanischen Wählerbasis wird dem Sonderermittler demnach wenig Vertrauen geschenkt.

Mueller aber wird daraufsetzen, dass seine Ermittlungsarbeit für sich selbst spricht. Er hat weitverzweigte Pisten verfolgt - von den Russland-Kontakten von Trump-Mitarbeitern im Wahlkampf über Trumps Rauswurf von FBI-Chef James Comey bis hin zur früheren Tätigkeit von Trumps Ex-Wahlkampfchef Paul Manafort für prorussische Politiker in der Ukraine.

Seine Ermittlungen führten zu Anklageerhebungen gegen sechs frühere Trump-Mitarbeiter und teilweise auch bereits zu Urteilen - darunter einer siebeneinhalbjährigen Haftstrafe für Manafort.

Die Attacken durch den Präsidenten dürften Mueller eher noch in seiner Entschlossenheit bestärkt haben, der Russland-Affäre auf den Grund zu gehen. Mueller ist hartgesotten, er kämpfte einst als Marineinfanterist im Dschungel von Vietnam. Nach der Rückkehr aus dem Krieg erwarb er dann den Jura-Abschluss an der Universität von Virginia und arbeitete danach fast drei Jahrzehnte lang abwechselnd für private Anwaltskanzleien und als Staatsanwalt.

Eine Woche vor den Anschlägen des 11. September 2001 trat Mueller an die Spitze des FBI. Der Bundespolizei wurde damals angelastet, wichtige Hinweise auf das Terrorkomplott übersehen zu haben. Mueller widmete sich folglich der Aufgabe, die Behörde mittels einer grundlegenden Reform für die neue Schwerpunktaufgabe des Anti-Terror-Kampfs zu wappnen.

Nach zwölf Jahren an der FBI-Spitze kehrte Mueller dann zu seiner früheren Tätigkeit als Privatanwalt zurück. Vor seiner Ernennung zum Russland-Sonderermittler war er unter anderem als Schlichter im Volkswagen-Abgasskandal tätig. Vor die Kameras trat der hagere Mann mit dem grauen Haar und den markanten Gesichtszügen während seiner Ermittlungen zur Russland-Affäre nie - seinem Ruf als Phantom der Hauptstadt wird er nun auch zum Ende der Untersuchung gerecht.




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