Letztes Update am Sa, 23.03.2019 05:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wie Bart Somers sein Mechelen zum Vorbild für Integration machte



Bukarest (APA) - 2016 wurde Bart Somers zum weltbesten Bürgermeister gewählt. Im Gespräch mit der APA in Bukarest gibt sich der Bürgermeister von Mechelen in Belgien dennoch bescheiden. „Ich denke, den Preis hat meine Stadt bekommen und nicht ich, weil es zwei bemerkenswerte Dinge in Mechelen gab“, sagt er. Niemand aus der Stadt habe sich dem IS angeschlossen und der „Turnaround der Stadt“ sei gelungen.

Mechelen sei „eine sehr multikulturelle Stadt“, erzählt Somers. 20 Prozent der Bevölkerung seien Muslime und 52 Prozent aller Neugeborenen hätten Migrationshintergrund. „Wir haben mehr als 130 verschiedene Nationalitäten in einer Stadt mit nur 90.000 Einwohnern. Als ich jung war, war das eine monokulturelle Stadt“, sagt der 54-Jährige. Dennoch habe sich niemand aus Mechelen der Jihadistenmiliz IS angeschlossen, während aus Antwerpen 100, aus Brüssel 200 und aus Vilvoorde, einer kleinen Stadt nahe Mechelen, 27 junge Leute dies getan hätten.

Vor 20 Jahren sei Mechelen zudem eine Stadt mit einem äußerst schlechten Ruf gewesen. „Die Mittelklasse verließ die Stadt und 32 Prozent wählten die extreme Rechte“, erzählt der Bürgermeister. Mittlerweile sei Mechelen eine der saubersten Städte in Flandern und das sorge natürlich für internationale Aufmerksamkeit. „Wir waren einerseits sehr strikt und haben viel in die Polizei investiert, andererseits waren wir sehr offen für Vielfalt und Respekt für jeden.“

Der Kampf gegen Kriminalität sei ein soziales Thema, denn die ersten Opfer seien immer jene, die in den gefährdeten Gegenden wohnen, ist sich Somers sicher. In einer vielfältigen Gesellschaft brauche es aber auch strenge Regeln, „weil wir haben alle verschiedene Herkünfte und Verhaltensweisen, kulturelle Prägungen. Daher muss man sehr explizit sein, in einer äußerst vielfältigen Gesellschaft, damit die Regeln von allen respektiert werden.“

Außerdem habe man versucht, die Bewohner zu motivieren sich zu engagieren und dementsprechende Programme geschaffen. Auch sei die Sicherheitspolitik nie genützt worden, um Gruppen zu stigmatisieren aufgrund ihrer Herkunft. Stattdessen sei versucht worden eine neue Form von gemeinsamer Bürgerschaft zu entwickeln, „die uns zusammenbringt und nicht trennt“. So sei man sehr unverblümt, wenn es gegen Rassismus gehe. „Aber wir machen nicht den Fehler von klassischen rechten oder linken Politikern, die eine Stadt in Gruppen einteilen und nicht als Stadt von Menschen sehen“, betont Somers.

Denn während Linke nur Opfer von Diskriminierung sehen würden, würden Rechte immer nur den Missbrauch des Sozialstaats und Kriminalität sehen. „Beide wollen keine Vorbilder sehen, denn das würde nicht in ihr Schema passen.“ Daher habe die Stadt versucht Vielfalt zu einer Realität im Leben jedes Einzelnen zu machen. „Wir arbeiteten daran, gemischte Schulen, Viertel und Sportklubs zu schaffen, wo es zu einem Treffen der verschieden Gruppen kommen kann.“

Seine Familie lebe seit 1510 in Mechelen und darauf sei er stolz, erzählt Somers weiter, aber er sei der Erste, der in einem vielfältigen, multikulturellen Mechelen wohne. „Auch ich muss mich anpassen, denn eine Gesellschaft kann nie funktionieren, wenn nur andere beurteilt werden. Wir müssen akzeptieren, dass Vielfältigkeit die neue Realität ist.“ Das Ziel müsse es sein, Gettos aufzubrechen und jedem das Gefühl zu geben, ein Bürger dieser Stadt zu sein. Allerdings dürfe es bei den Werten, wie der Gleichberechtigung von Frau und Mann, der Redefreiheit und der Rechtstaatlichkeit keine Kompromisse geben, betont er.

„Es gibt keine Freiheit ohne Vielfalt und keine Vielfalt ohne Freiheit.“ Manchmal sei deshalb auch eine Null-Toleranzpolitik notwendig, zeigt sich der Bürgermeister überzeugt, aber „wir versuchten etwas im Namen der lokalen Bevölkerung und nicht gegen diese zu machen.“

Mechelen sei überhaupt keine liberale Stadt gewesen, sagt der Bürgermeister der Flämische Liberalen und Demokraten (Open VLD). Doch nun sei Mechelen die einzige Stadt in Belgien, wo es eine Koalition von Liberalen und Grünen gibt, die seit 20 Jahren sogar auf einer Liste kandidieren würden. „Das war nicht einfach die zusammenzubringen. Wir machten das, weil wir unserer Stadt helfen wollten und raus aus den ideologischen Tabus kommen wollten.“

Populisten würden oft vergessen, dass sie Angst vor Veränderung haben und jede Änderung als Unterwerfung betrachten. „In Wahrheit sind sie Kopien der Salafisten, die wollen die Gesellschaft nur einfrieren“, ist er sich sicher. „Wenn die Populisten in den 1950er Jahren an der Macht gewesen wären, hätten wir keine Gleichberechtigung von Mann und Frau oder von Homosexuellen.“

(Das Gespräch führte Martin Hanser/APA)




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