Letztes Update am Sa, 23.03.2019 10:58

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Die Collagierte Zeit“ in Bregenz: Gratwanderung nicht ganz geglückt



Bregenz (APA) - Die Texte von Ingeborg Bachmann, Paul Celan und Max Frisch rückten neben Videoeinspielungen und einem wahren Kostümrausch etwas in den Hintergrund. Darunter litt die Inszenierung „Die Collagierte Zeit“ von Simon ie Texte von Ingeborg Bachmann, Paul Celan und Max Frisch rückten neben Videoeinspielungen und einem wahren Kostümrausch etwas in den Hintergrund. Darunter litt die Inszenierung „Die Collagierte Zeit“ von Simon Meienreis, die am Freitag am Vorarlberger Landestheater in Bregenz ihre Premiere erlebte. Die Leistung der Darsteller konnte das Publikum überzeugen.

Regisseur Simon Meienreis setzte das Werk zusammen und schuf drei Teile mit mehr oder weniger einem Hauptmotiv - der „Suche“. Im ersten Teil ist es ein älterer Mann, der Ansätze aus Max Frischs Werken aufgreift. Im zweiten Teil steht die Lyrik von Paul Celan im Mittelpunkt. Meienreis gestaltete besonders diesen Abschnitt als Kostüm-Reigen. Figuren werden bis zur Unkenntlichkeit verkleidet - sicher eine Herausforderung für die Kostümverantwortliche Mirella Oestreicher. Aber das geht zulasten der Aufmerksamkeit für den Text. Es irritiert. Doch zum Glück für das Publikum werden die Gedichte an die Wand projiziert.

Im dritten Teil wird der alte Mann zum „Wildermuth“. Der gleichnamigen Erzählung von Ingeborg Bachmann folgend mit einer Gerichtsszene und Lebenserinnerungen. Es sind Collagen, vielschichtige Annäherungen an die Texte der berühmten Autoren, die dem Zuschauer - vom Regisseur auch so gewollt - ein enormes Feld an Lesemöglichkeit und Interpretation geben. Keine klaren Antworten - nur Impulse auf der Bühne, hinterlegt oder betont durch Videoeinspielungen. Letztere lieferte Seraphin Simon. Gedreht wurden die Clips unter anderem im leeren Theater, am Pfänder oder am See.

Die Darsteller zerlegen die Texte, hinterfragen und füllen sie mit szenischem Leben. Es wird geschrien, gekämpft und mit Blumentöpfen geworfen. Die vier Darsteller sind sehr gefordert mit den verschiedenen Rollen und den verschiedenen Textstilen. Manfred Böll verpasst dem suchenden Mann die richtige Portion an Unsicherheit und Verlorenheit. Nico Raschner, der das erste Mal am Landestheater zu sehen ist, gibt eine echte Talentprobe. Man darf sich auf weitere Auftritte des neuen Ensemblemitglieds freuen. Tobias Krüger zeigte sich spielfreudig und kompromisslos. Johanna Köster ergänzt das Team perfekt mit ihrer kraftvollen, dominanten und überzeugenden Darstellung.

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Das passende Umfeld finden die Akteure im Bühnenbild von Mirella Oestreicher. Sie baut das Set auf die Vorderbühne - noch vor den eisernen Vorhang. Auf diese begrenzte Spielfläche setzt sie eine Wellblechhütte mit einem Eingangstor, das eine Häuserfront zeigt. Dem gegenüber steht eine verschnörkelte Wendeltreppe verziert mit Blumentöpfen - verbunden werden die beiden Aufbauten durch einen Seilzug . Erst gegen Ende hebt sich auch noch der eiserne Vorhang. Um einerseits den Raum zu öffnen, andererseits zieht dadurch dichter Nebel über die ganze Szenerie. Der deckt alles zu.

Die Zuschauer zeigten sie vom Werk am Ende ebenfalls etwas benebelt. Die Arbeit der Darsteller wurde anerkannt, doch trotzdem blieben bei den meisten Zuschauer einige Fragen offen oder eher ungestellt. Es ist immer ein Wagnis, für Texte, die nicht für die Bühne geschrieben wurden, eine szenische Übersetzung zu finden. So ist auch hier das Stück eine Gratwanderung, die aber nicht ganz geglückt ist. Trotzdem eine spannende Produktion, die noch bis 12. Mai am Landestheater zu sehen ist.

(S E R V I C E: „Die Collagierte Zeit“. Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Max Frisch. Inszenierung und Fassung: Simon Meienreis. Bühne und Kostüm: Mirella Oestreicher, Dramaturgie: Ralph Blase. Mit: Manfred Böll, Johanna Köster, Tobias Krüger und Nico Raschner. Weitere Aufführungen: 26. März sowie 6., 12. und 24. April sowie 9. und 12. Mai, jeweils 19.30 Uhr, Großes Haus. Karten unter +43(0)5574 42870 600 und unter https://landestheater.org)




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