Letztes Update am Fr, 29.03.2019 08:11

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Wir“ und „Die“: Burgtheater-Regiedebüt für Christina Gegenbauer



Wien (APA) - Mit „Waisen“ von Dennis Kelly debütiert Christina Gegenbauer am 4. April als Regisseurin am Burgtheater. „Das Stück ist brisant, weil es die Aufspaltung in ein ‚Wir‘ und ein ‚Die‘, die gerade in unserer Gesellschaft stattfindet, thematisiert und aufzeigt, wie Schwarz-weiß-Denken in einer Gewaltspirale mündet“, sagt die 30-Jährige zur APA. Ein Gespräch über die Relevanz moderner Inszenierungen.

Das Stück des 48-jährigen Briten, der auch für Drehbücher zu Sitcoms und TV-Serien bekannt ist, wurde 2009 uraufgeführt und von den Medien als „Erforschung von Gewalt in urbanen Räumen“ aufgenommen. Es handelt von einem Gewaltverbrechen, das die drei Protagonisten in einen moralischen Konflikt zwingt und dem Publikum die Frage aufdrängt: „Wie weit gehst du, um deine Liebsten zu beschützen?“, wie es die junge Regisseurin formuliert.

Zur Handlung: Das jüngere Ehepaar Danny und Helen freut sich über eine zweite Schwangerschaft, als Helens Bruder Liam das vermeintliche Idyll unterbricht. Blutüberströmt berichtet er von einem Zwischenfall mit einem jungen Mann mit Migrationshintergrund. Seine Schilderungen erhärten den Verdacht, dass es sich bei dem Ereignis um mehr handelt, als Liam zunächst zugeben will. In der Folge gerät das Trio in einen moralischen Konflikt zwischen Loyalität und Abscheu, der das bisherige Leben der Beteiligten fortan auf den Kopf stellt. „Es sind drei sehr unterschiedlich denkende und agierende Figuren, die um die Empathie des Publikums buhlen. Durch die Beobachtung dieser beurteilt der Zuschauer die Extremsituation und befragt sich selbst, wie er handeln würde“, schildert Gegenbauer, die das Stück als Thriller bezeichnet, aus dem es „eine absurde Komik herauszukitzeln“ gelte.

„Dennis Kelly hat das Stück sehr intelligent konstruiert, da man sukzessiv immer mehr über die Figuren erfährt und sich die Handlung sehr spannend entblättert“, sagt Gegenbauer, die noch einen Pluspunkt hervorhebt: „Es bedarf keiner (Vor)Kenntnisse des Theaterkanons“, sagt Gegenbauer, die „kein Fan von einem Theatermuseum auf der Bühne“ ist: „Ich bevorzuge moderne Texte, was nicht heißt, dass ich nicht auch einen Klassiker oder einen älteren Text inszenieren würde, wenn mir das Thema für unsere Zeit wichtig erscheint.“ Neben Bühnenstücken beschäftigt sich Gegenbauer auch mit Ausstellungskonzepte, Performances und Installationen.

Christina Gegenbauer wurde in St. Pölten geboren und studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaften in Wien. Im Rahmen ihres Studiums wurde ihr klar, dass sie sich nicht nur im wissenschaftlichen Bereich mit Theater beschäftigen möchte. Seit 2017 arbeitet sie als Regieassistentin am Burgtheater. Davor begann sie auch selbst Regie zu führen, etwa am Staatstheater Nürnberg, Theater Regensburg oder Theater Münster. „Hin und Her“ von Ödön von Horvath inszenierte sie 2017 im Rahmen des Viertelfestivals Niederösterreich im österreichisch-slowakischen Grenzgebiet Angern an der March und Zahorska Ves. In der grotesken Posse über Grenzpolitik verwandelte Gegenbauer die Bühne in einen Tennisplatz, auf dem der Protagonist, der staatenlose Ferdinand Havlicek im Niemandsland zum Spielball der Willkür und des Bürokratismus wird. Geht es nach der Regisseurin, nimmt das Theater als gesellschaftliche Institution auch eine politische Rolle ein: „Theater sind Orte des Austauschs, an denen gesellschaftliche Phänomene durch ästhetische Erfahrung verhandelt werden.“

Eine Institution wie das Burgtheater eröffne zwar „ein größeres Budget mit entsprechend größeren Handlungsspielräumen“, in kleineren Institutionen habe die Regisseurin dafür aber mit „flacheren Hierarchien“ zu tun. Die Arbeit mit dem Ensemble empfand sie als „sehr konzentriert und fokussiert“. In dem Drei-Personen-Stück spielen Irina Sulaver (Helen), Christoph Radakovits (Danny) und Valentin Postlmayr als Liam.

Das Burgtheater sieht sie durchaus als mögliches „Karrieresprungbrett“ - schließlich sei es für junge Regisseure und Regisseurinnen nicht leicht, in der deutschsprachigen Theaterlandschaft Fuß zu fassen. Umso wichtiger ist das Vestibül. Mit seinen 60 Plätzen ist es die kleinste Spielstätte des Burgtheaters. Sie steht vor allem Regieassistenten des Hauses für deren erste Arbeiten zur Verfügung. Ursprünglich als Zufahrt für die Erzherzöge genutzt, bewirbt das Burgtheater den Raum heute als „konzentrierter Raum für ungewöhnliche Theaterprojekte“. Diesen ungewöhnlichen Bühnenraum sieht Gegenbauer als eine spannende Herausforderung, aber auch als Potenzial. Da zwischen Akteuren und dem Publikum eine geringe räumliche Distanz bestehe, könne sie die Zuschauer dazu bringen, sich als Teil des Geschehens statt nur als losgelöste Beobachter zu fühlen.

Bei der Frage, wie es danach weitergeht, gibt sich Gegenbauer zurückhaltend: „Es gibt mehrere Schubladen mit vielen Ideen.“ Zunächst gelte es aber, den Fokus auf eine erfolgreiche Premiere zu legen - danach sei ihre Inszenierung „absolut gastspielgeeignet“.

(Das Gespräch führte Noel Gaar/APA)

(S E R V I C E - „Waisen“ von Dennis Kelly, Regie: Christina Gegenbauer, Bühne: Frank Albert, Kostüme: Anneliese Neudecker, Musik: Matthias Jakisic. Mit Irina Sulaver, Christoph Radakovits und Valentin Postlmayr, Premiere am 4. April, 20.30 Uhr, im Vestibül des Burgtheaters. Nächste Aufführungen: 8., 13., 23., 28. April jeweils um 20 Uhr, Karten: 01 / 513 1 513, www.burgtheater.at)




Kommentieren