Letztes Update am So, 31.03.2019 05:06

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Komiker sind in der internationalen Politik in Mode



Wien (APA) - Politik ist besser als jedes Kabarett - das heißt es nun auch in der Ukraine. Bei der Präsidentenwahl am Sonntag wird mit einem Sieg des bisherigen Fernsehkabarettisten Wolodymyr Selenskyj (41) gerechnet. Selenskyj ist nicht der erste Komiker, der ins vermeintlich ernste politische Fach wechselt. Ein Überblick:

WOLODYMYR SELENSKYJ (41) - Er hat keine politische Erfahrung, aber schon das Drehbuch für seine angestrebte Rolle: In der Fernsehsendung „Diener des Volkes“ gibt der Kabarettist seit dem Jahr 2015 den ukrainischen Geschichtslehrer Wassyl Holobrodko, der mit einem Wutausbruch gegen Korruption berühmt wird und es dann tatsächlich ins Präsidentenamt schafft. Nachdem monatelang über eine Kandidatur spekuliert wurde, gab Selenskyj sie am Silvesterabend 2018 in seiner Fernsehsendung bekannt. Politisch gilt er als unbeschriebenes Blatt, Kritiker sehen ihn als Marionette des aus Dnipro stammenden Oligarchen Ihor Kolomojskyj, in dessen Fernsehsender „Diener des Volkes“ läuft. Selenskyj, der sich selbst über seine mangelhaften Ukrainisch-Kenntnisse lustig macht, kommt insbesondere im russischsprachigen Osten und Süden des Landes gut an. Die dritte Staffel von „Diener des Volkes“ startet übrigens am Wahltag 31. März.

MARJAN SAREC (41) - Der Ex-Politikerimitator ist seit September des Vorjahres jüngster slowenischer Ministerpräsident. Dabei gelang ihm ein besonderes Kunststück. Obwohl seine „Liste Marjan Sarec“ bei der Parlamentswahl im Juni abgeschlagen auf dem zweiten Platz landete, stach er bei der Regierungsbildung den konservativen Wahlsieger Janez Jansa aus und zimmerte eine Fünf-Parteien-Minderheitsregierung. Als Politiker gibt er ganz und gar nicht den Kasperl, sondern setzt auf Begriffe wie „Verantwortung“ und „Ordnungsliebe“ und verspricht „Taten statt Worte“. Bei den Slowenen kommt sein Stil gut an, in den Umfragen befindet sich seine Liste im Steigflug. Sarec startete in den 1990er-Jahren als Politikerimitator und Fernseh-Kabarettist. Dabei nahm er auch seinen jetzigen politischen Widersacher Jansa wiederholt auf die Schaufel. Als „Ivan Serpentinsek“ mimte er einen typischen Slowenen, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Im Jahr 2010 stieg er als Bürgermeister von Kamnik in die Politik ein. In die nationale Politik wechselte er bei der Präsidentenwahl im November 2017, als er Amtsinhaber Borut Pahor überraschend in die Stichwahl zwang und nur knapp unterlag.

BEPPE GRILLO (71) - Der italienische Satiriker machte sich jahrzehntelang über die Politik lustig, ehe er selbst mit einer Protestbewegung durchstartete. Die „Fünf-Sterne-Bewegung“ landete bei der Parlamentswahl im Jahr 2013 auf Anhieb mit 25 Prozent der Stimmen auf dem zweiten Platz. 2017 eroberte Grillos Kandidatin Virginia Raggi den Bürgermeisterposten der Hauptstadt Rom, seit dem Vorjahr regieren die „Grillini“ gemeinsam mit der rechtspopulistischen Lega das Land. Grillo baute seine Bewegung im Internet auf und kommuniziert wie US-Präsident Donald Trump bevorzugt über Twitter mit seinen Anhängern. Er prangert die Korruption an, verspricht mehr direkte Demokratie und will die Euromitgliedschaft Italiens auf den Prüfstand stellen. Ein politisches Amt möchte er nicht bekleiden. Er sieht sich lieber als Ezzesgeber für sein Regierungsteam, dem er immer wieder mit radikalen Vorschlägen - wie etwa jenem, das Parlament abzuschaffen - zur schaffen macht.

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JON GNARR (52) - Der isländische Comedian wurde im Zuge der Finanzkrise ins Amt des Bürgermeisters der Hauptstadt Reykjavik gespült. Eigentlich war seine „Beste Partei“ bei der Kommunalwahl 2010 eine Persiflage auf die völlig diskreditierte politische Kaste des Landes, doch die Bewohner der Hauptstadt bewiesen Sinn für Humor und wählten ihn mit 35 Prozent der Stimmen zum Stadtoberhaupt. Gnarr, zu dessen Forderungen etwa ein Eisbär für den Zoo der Hauptstadt gezählt hatte, verzichtete im Jahr 2014 auf ein neuerliches Antreten. Seither tourt er durch die Welt und berichtet von seinen Erfahrungen als Politiker. „Als ich das erste Mal im Bürgermeisteramt war und mir mein zukünftiges Büro anschaute, war das einfach nur ein Schock. Das Büro war ein ganzes Stockwerk mit 20 Mitarbeitern“, sagte er etwa bei einem Auftritt in Wien.

JIMMY MORALES (50) - Der guatemaltekische TV-Komiker amtiert seit 2015 als Präsident des mittelamerikanischen Landes. Im Wahlkampf präsentierte er sich als Saubermann und Korruptionsbekämpfer, gehört aber als Kandidat der nationalistischen Partei FCN selbst dem politischen Establishment an. Seinen Wahlkampf organisierte er vor allem über soziale Netzwerke und wurde innerhalb weniger Monate vom politischen Nobody zum Wahlsieger. Mittlerweile unterscheidet sich Morales aber nicht mehr viel von seinen korruptionsbelasteten Vorgängern. So zog er sich massive Kritik für seinen Versuch zu, die Anti-Korruptions-Behörden des Landes zu entmachten. Außerdem ist er wegen der ungeklärten Herkunft von 600.000 Dollar (rund 530.000 Euro) in seinem Wahlkampf ins Visier der Justiz geraten.

MARTIN SONNEBORN (53) - Der Satiriker und Journalist („Titanic“) sorgte mehrfach mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen für Aufsehen und mischte in mehreren Wahlkämpfen als vermeintlicher Kandidat von etablierten Parteien wie der FDP oder SPD mit, ehe er im Jahr 2004 mit „Titanic“-Kollegen die „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“ (DIE PARTEI) gründete. Die Aufhebung der deutschen Sperrklausel bei der Europawahl 2014 ermöglichte ihm den Einzug ins Europaparlament. Die Chancen, dass er heuer den Wiedereinzug in die Straßburger Volksvertretung schafft, stehen gut. Sein Ziel ist dabei, auch der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) Wähler abzujagen, indem Parteimitglieder als Kandidaten aufgestellt werden, die die gleichen Nachnamen wie Nazi-Größen tragen.

AL FRANKEN (67) - Mit Auftritten in der US-Comedyshow „Saturday Night Live“ wurde er populär, die „Yes we can“-Welle um Barack Obama spülte ihn im Jahr 2008 in den US-Senat. Als Demokrat setzte er sich in Minnesota knapp gegen den republikanischen Amtsinhaber Norm Coleman durch, sechs Jahre später wurde er mit deutlicher Mehrheit im Amt bestätigt. Clownerien konnte Franken auch als Senator nicht lassen. So sorgte er im Jahr 2010 für einen Eklat, als er eine Rede des Republikanerführers Mitch McConnell mit Gesten und Grimassen kommentierte, während er die Sitzung leitete. „Das hier ist nicht Saturday Night Live, Al“, kommentierte McConnell den Auftritt Frankens. Im Jahr 2017 nahm Frankens politische Karriere aber ein jähes Ende. Nachdem mehrere Frauen ihn der sexuellen Belästigung beschuldigt hatten, musste er auf parteiinternen Druck hin zurücktreten.

LUKA MAKSIMOVIC (27) - Der serbische Komiker landete bei der Präsidentenwahl im April 2017 mit fast zehn Prozent der Stimmen auf dem dritten Platz. Unter dem Pseudonym „Luka Preletacevic Beli“ (Luka Überflieger, der Weiße) machte er einen betont satirischen Wahlkampf, der vor allem bei jugendlichen Wählern ankam. Er wolle Osten und Westen versöhnen, ein neuer Tito sein und die Banken abschaffen. „Ich verfolge meine persönlichen Interessen, werde aber auch dem Volk was abgeben. Kurz und gut, ich werde stehlen, um mich zu bereichern, werde aber auch dem Volk etwas geben“, führte Maksimovic einen Anti-Korruptions-Wahlkampf der etwas anderen Art.

ROLAND DÜRINGER (55) - Mit Ernsthaftigkeit stehen Komiker in der Politik offenbar auf verlorenem Posten. Dies zeigt das Beispiel des Kabarettisten Roland Düringer, der seine große Bekanntheit und Beliebtheit als Kleinkünstler („Hinterholz 8“, „Poppitz“, „MA 2412“) nicht in politischen Erfolg ummünzen konnte. Mit seiner Liste GILT wollte er bei der Nationalratswahl 2017 dem radikalen Konzept der „offenen Demokratie“ zum Durchbruch verhelfen, der Nationalrat sollte nur noch ausführendes Element von nach dem Losverfahren besetzten Bürgerparlamenten sein. Zum Wahlkampfabschluss entlud er eine Fuhre Mist vor dem Parlament. „Wenn schon Schmutzkübelkampagne, dann aber richtig“, kommentierte er. Letztlich konnten sich nur 48.233 Wähler für Düringers Ideen erwärmen. Unmittelbar nach der Wahl startete er mit dem Kabarettprogramm „Der Kanzler“.

(Alternative Schreibweise: Wladimir Selenski)




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