Letztes Update am So, 31.03.2019 12:54

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Theatermacher Roberto Ciulli wird 85 - und bleibt auf der Bühne



Mülheim/Ruhr (APA/dpa) - Ein Leben für das Theater - und von Ruhestand keine Spur: Der Mülheimer Theatermacher Roberto Ciulli vollendet am 1. April sein 85. Lebensjahr. Ob er sich am Montag Zeit zum Feiern nimmt, ist nicht ganz klar: „Roberto Ciulli arbeitet an seinem Geburtstag“, sagt seine Sprecherin Jessica Otten. „Er ist eingeladen zum Bitef Theater in Belgrad und hält dort einen Vortrag über sein ‚ABC des Theaters‘.“

Ciulli gründete 1980 gemeinsam mit dem Dramaturgen Helmut Schäfer und dem Bühnenbildner Gralf-Edzard Habben (1934-2018) das Theater an der Ruhr in Mülheim. Bis heute arbeitet er dort als Künstlerischer Leiter, Regisseur - und Schauspieler. Erst am 8. März feierte er dort Premiere in dem Ibsen-Stück „Gespenster“. Ciulli spielt den Osvald, eine Hauptrolle. Auch wenn er Probe hat, kommt er ins Büro, jeden Tag: „Morgens ist er meistens der Erste“, sagt Otten. Und natürlich geht es weiter: Ciulli arbeitet bereits an einem neuen Projekt über einen ertrunkenen zwölfjährigen Flüchtling aus Afrika, in dessen Kleidung man ein eingenähtes Schulzeugnis fand.

„Als ich das begriff, habe ich mich so geschämt: Ein 12-jähriger Junge nimmt auf seine gefährliche Reise ein Schulzeugnis mit, um zu zeigen: Europa, ich kann euch etwas geben, nehmt mich auf. Aber das Europa von Kant, Voltaire, Rousseau, das gibt es nicht mehr“, sagt Ciulli in einem aktuellen Interview der Wochenzeitung „Die Zeit“. „Angesichts der Hoffnung dieses Jungen empfinde ich grenzenlose Scham. Ich dachte: Ich muss was tun, diese Geschichte muss erzählt werden, ich will das in unserem Theater tun.“

Unser Theater, nicht „mein“: Schon die Aufmachung auf der Homepage verrät viel über das Theaterverständnis des Künstlers aus Italien: Zuerst werden dort die Schauspieler genannt, dann die Gäste, dann das Team, alles nach dem Alphabet sortiert. Mittendrin: Roberto Ciulli.

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1965 war der promovierte Philosoph und Theatermann nach Deutschland gekommen, hatte als Fabrikarbeiter und Fernfahrer gearbeitet. Und beim Theater: in Göttingen, in Köln, in Düsseldorf. 1980 dann die Gründung des Mülheimer Theaters. Von Anfang an stellt Ciulli das Haus in einen internationalen Kontext. Regelmäßig gastiert er im Ausland und holt ausländische Theaterensembles nach Mülheim. Oft zog er mit seinem Mülheimer Ensemble in Länder, die politisch im Abseits lagen. In Bagdad mutete er 2002 noch zu Zeiten Saddam Husseins dem Publikum Peter Handkes „Kaspar“ mit einer Nacktszene zu. 1999 reiste das Ensemble in den Iran und war dort auch mit revolutionskritischen Stücken zu Gast.

2013 wurde er als kultureller Brückenbauer mit dem NRW-Staatspreis ausgezeichnet. „Ciulli steht für den Strukturwandel in seiner schönsten Form und hat sich mit seiner Kreativität und Schaffenskraft immer auch für die Minderheiten in unserer Gesellschaft stark gemacht“, lobte die damalige Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) den Theatermann.

Wer Ciulli auf der Bühne sehen will: Die nächste Aufführung der „Gespenster“ in Mülheim ist am 6. April. Es gibt noch Karten.




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