Letztes Update am Mo, 01.04.2019 06:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Rat der Gerechten“: Polnische Autorin brach „Pakt des Schweigens“



Wien (APA) - In ihrem neuen Buch „Der Rat der Gerechten“ schickt die polnische Bestseller-Autorin Katarzyna Bonda zum zweiten Mal die Profilerin Sasza Zaluska auf die Fährte eines Serienmörders. Zugleich hat die 42-Jährige in den Roman ein mittlerweile heftig diskutiertes Thema gepackt, das der „verfemten Soldaten“. Im APA-Interview berichtete Bonda von einem jahrelangen „Pakt des Schweigens“ in ihrer Heimat.

Die Heldin des Thrillers verschlägt es nach ihrem in Danzig spielenden ersten Abenteuer „Das Mädchen aus dem Norden“ in die Stadt Hajnowka, dem Heimatort der Schriftstellerin. „Ich hatte die kriminalistische Handlung bereits ausgearbeitet“, erzählte Bonda. „Dann nahm ich an einer Lesung in Hajnowka teil - und dort wurde ausdrücklich der Wunsch geäußert, ich soll doch mal eine Geschichte schreiben, die in meiner Heimatstadt spielt. Ich führte daraufhin ausführliche Recherchen durch und bereitete mich wie auf jedes andere Buch vor. Da erfuhr ich von den Partisanen und den Pogromen.“

Bei den ‚verfemten Soldaten‘ handelt es sich um eine polnisch-nationalistische Gruppe, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegen die kommunistischen Machthaber kämpfte und auch Zivilisten der weißrussischen Bevölkerung in Polen tötete. „Mir war das nicht bekannt“, sagte Bonda. „Hajnowka ist ein Ort, wo man sich ins Ohr flüstert und nicht offen über diese Dinge redet. Meine Familie drängte darauf, dass ich mich damit nicht schriftstellerisch auseinandersetze. Wie man sich vorstellen kann, war das dann das einzige, was mich interessiert hat.“

Beim Durchforsten von Archivmaterial entdeckte Bonda den Namen ihrer Großmutter auf einer Liste möglicher Pogrom-Opfer. „Das hat mich total umgehauen. Ich war stets in der Überzeugung gelassen worden, dass meine Großmutter im Krieg durch Panzerbeschuss oder bei einem Luftangriff starb. Mich hat allerdings nicht die persönliche Betroffenheit motiviert, das Pogrom in mein Buch zu verarbeiten, sondern das über ein halbes Jahrhundert andauernde Schweigen darüber. Und auch heute noch sind die Konflikte zwischen der polnischen-katholischen und orthodoxen-weißrussischen Bevölkerung lebendig.“

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„Natürlich ist ‚Der Rat der Gerechten‘ kein historischer Roman, sondern Unterhaltungsliteratur“, betonte die Schriftstellerin. „Aber ich habe es als meine Pflicht empfunden, über die ‚verfemten Soldaten‘ zu berichten, denn bis zu dem Erscheinen meines Buches waren sie nie ein großes Thema.“ Das hat sich inzwischen geändert. „Es gab eine Reihe von Dokumentationen und wissenschaftliche Abhandlungen“, so Bonda. Nationalisten und rechtskonservative Politiker wiederum halten das Andenken der „verfemten Soldaten“ hoch. „Ich mische mich in den aktuellen politischen Streit nicht ein, ich habe meine Arbeit schon getan“, meinte Bonda und fügte hinzu: „Ich weiß nicht, ob ich heute, nach Ausbruch der Diskussion um das Thema, in der Lage wäre, den Roman so zu schreiben.“

Jedenfalls hatte die Autorin nach den Recherchen ihr Buch komplett überarbeitet und die historische Komponente hinzugefügt. „Am Anfang konnte ich mir schwer vorstellen, wie das funktionieren sollte“, erzählte Bonda. „Dann nahm ich einen kleinen Ausschnitt der historischen Geschichte und habe beim Schreiben schnell gemerkt, dass sich dieser ideal mit der Krimi-Handlung der Gegenwart verbinden lässt und es den Figuren gut tut, wenn sie einen geschichtlichen Ballast herumschleppen.“

„Der Rat der Gerechten“ ist eine ausufernde Wer-war-es?-Crime-Story um verschwundene Frauen und auftauchende menschliche Überreste, die Handlung springt zwischen den Zeiten, es tritt eine Fülle an Personen auf. „Ich habe grundsätzlich die Tendenz zu verkomplizieren statt zu vereinfachen“, lachte Bonda. „Wenn ich eine Geschichte erzähle, werden es immer 1.000 Seiten. Ich lasse das aber zu und hoffe, dass sich die Leser zurecht finden.“ Zur Not hilft ein ausführliches Personenregister im Buch.

Und wie viel von Katarzyna Bonda steckt in ihrer Romanheldin? „In Polen sind alle überzeugt, dass Sasza Zaluska ich bin“, antwortete die Autorin. „Ich scherze immer und sage, es sind nur 90 Prozent. Denn ich bin das Chaos selbst und für die Polizei könnte ich schon gar nicht arbeiten. Die 90 Prozent, die Sasza und ich gemein haben, betreffen die emotionale Seite. Generell: Wenn Ihnen ein Autor erzählen will, die Hauptfigur in seinen Büchern habe nichts mit ihm zu tun hätte, lügt er. Es ist schwierig eine Figur zu erfinden, die nichts von den eigenen Fehlern mitbekommt. Die sind auch wichtig, denn die machen einen ja aus und geben uns die Möglichkeit, uns zu ändern.“

(Das Gespräch führte Wolfgang Hauptmann/APA)

(S E R V I C E - Katarzyna Bonda: „Der Rat der Gerechten“, aus dem Polnischen von Saskia Herklotz und Andreas Volk, Heyne Taschenbuch, 704 Seiten, 17,50 Euro)




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