Letztes Update am Mo, 01.04.2019 11:18

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Wie Kinder am Spielplatz“: Frust in Dover über die Brexit-Politik



Dover/London (APA) - Das Wetter ist herrlich in Dover - die Sonne scheint, es ist warm für Ende März, und Alt und Jung genießen die Zeit auf der Strandpromenade. Vielleicht ist ein Vergleich, der immer wieder genannt wird, wenn die Rede auf den Brexit und die Politiker in London kommt, für manche auch deshalb so naheliegend: Sie benähmen sich „wie Kinder“ oder „wie Kinder auf dem Spielplatz“, wird kritisiert.

John ist „enttäuscht darüber, wie die Dinge laufen“. Der Pensionist aus Dover hat wie eine deutliche Mehrheit hier - 62 Prozent - für den EU-Austritt gestimmt und würde es wieder tun. „Die Politiker verhalten sich wie Kinder auf dem Spielplatz“, sagt er. Sie sollten ihre Partei unterstützen, stattdessen „zanken sie sich“.

Wenig später stößt seine Frau Judith mit ihren Einkäufen dazu. „Das hätte man vor Jahren erledigen sollen“, sagt sie über den Brexit. „Ich wünschte, sie würden weitertun, es zieht sich.“ Auch sie findet: „Die benehmen sich alle wie Kinder auf dem Spielplatz.“ Um nichts in der Welt wolle sie in der Haut von Premierministerin Theresa May stecken, betont sie. „Das ist kein leichter Job.“

Nachdenklich wird Judith, die ebenfalls für den Brexit gestimmt hat, wenn sie über den landesweiten Ausgang des EU-Referendums spricht - 52 zu 48 Prozent für den Austritt. „Vier Prozent (Unterschied) waren nicht genug. Das ist ein Teil des Problems. Das Land ist zu gespalten“, wie eben auch das Parlament. Sie frage sich, ob es richtig gewesen sei, nach dem Ergebnis zu handeln, und ob es nicht ein weiteres Referendum brauchen werde, „um das auf die eine oder andere Weise zu klären“.

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Zu drastischeren Worten greift der ebenfalls pensionierte Kenneth, der aus Südlondon in Dover zu Besuch ist. Er nennt die Politiker „Lügner“ und „Betrüger“: „Wer die Wahl gewinnt, bekommt, was er will. Raus heißt raus.“ Er sei „sehr enttäuscht“, sagt der Brexit-Unterstützer. „Ich bin Europäer, wir wollten nur unsere Grenze zurück.“ Die ältere Generation habe für den Brexit gestimmt, „meine Tochter hat sich sehr über mich aufgeregt“, erzählt der 72-Jährige.

Ganz anders empfindet ein älterer Herr aus Dover, der seinen Namen nicht nennen will und sich als bestürzt über den Austritt beschreibt. „Ich wollte die EU nicht verlassen, ich habe keinen Grund gesehen.“ Er habe lange in Deutschland gelebt und sei Geschäftsmann gewesen, vielleicht denke er deshalb so. „Es ist uns doch sehr gut gegangen.“

Debbie, die im Gesundheitsbereich arbeitet und sich den Brexit wünscht, glaubt, dass die Regierung mit Absicht so handelt, wie sie handelt: „Sie wollen nicht austreten.“ Auch sie ist „sehr enttäuscht“, dass es so lange dauert. Die Parlamentarier seien „wie ein Haufen Kinder“, sie hätten einen Job zu erledigen und täten es nicht.

Ihre Nichte Jane, die neben ihrer Tante auf der Parkbank sitzt, hat pro EU abgestimmt. „Ich finde es sehr verwirrend“, sagt sie über die derzeitige Lage.

Ein junges Paar mit Kleinkind, das auf den Steinen am Meer spielt, wimmelt sofort jeden Gesprächsversuch zum Thema Brexit ab. „Wir haben genug davon“, heißt es nur.

Amanda aus Dover, die ebenfalls mit ihrem kleinen Sohn das schöne Wetter genießt, hat wiederum nichts dagegen, auch ausführlicher über das Thema EU-Austritt zu sprechen. „Ich bin so wütend. Der Brexit ist eine schreckliche Idee, und selbst wenn er das nicht wäre: Die Art und Weise, wie er organisiert wird, ist grauenvoll.“

Sie habe wie auch ihr Mann und ihre Freunde für den Verbleib in der EU gestimmt, sagt Amanda. Beim Referendum sei eine Frage gestellt worden, die nicht zu beantworten gewesen sei. Die Leute hätten „auf Basis ihrer Gefühle, nicht von Informationen“ entschieden. Stattdessen hätte es ihrer Ansicht nach ein nach Stufen aufgebautes Votum geben sollen, in dem vor einer endgültigen Entscheidung der Regierung auch über genaue Optionen abgestimmt werden hätte können.

Ihr sei bang vor den politischen Folgen des Brexit - davor, „meine Kinder von der Freizügigkeit abzuschneiden“, vor der Rezession, die er mit sich bringen werde, und auch davor, „dass die Leute, die dafür abgestimmt haben, dass die Dinge besser werden, merken werden, dass die Dinge schlechter werden“, sagt die Erzieherin. Aber: „Wir sind Europäer. Die Tatsache, dass jemand entschieden hat, uns das wegzunehmen, ändert überhaupt nichts. Nichts wird das ändern.“




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