Letztes Update am Mo, 01.04.2019 11:48

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Deutscher Altbundeskanzler Gerhard Schröder wird 75



Berlin (APA/dpa) - Von so einem Wahlergebnis können die deutschen Sozialdemokraten heute nur noch träumen: 34,2 Prozent der Stimmen holte Gerhard Schröder als SPD-Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl im September 2005, aber es war knapp zu wenig. Der damalige Regierungschef musste das Kanzleramt für Angela Merkel räumen.

Sieben Jahre lang hatte er da an der Spitze einer rot-grünen Koalition regiert. Am kommenden Sonntag wird Schröder 75 Jahre alt.

Knapp 14 Jahre später scheiden sich an dem Jubilar die Geister. Auf der Linken machen viele Schröders Reformpolitik der „Agenda 2010“ mit ihren empfindlichen sozialen Einschnitten für den Niedergang der SPD verantwortlich, die in Umfragen heute unter 20 Prozent dümpelt. Im bürgerlichen Lager herrscht dagegen die Meinung vor, dass er damit die Wettbewerbsfähigkeit von Europas größter Volkswirtschaft gestärkt habe. Höchst umstritten sind sein Engagement für russische Energiekonzerne und seine Freundschaft zu Präsident Wladimir Putin. Schlagzeilen lieferte Schröder zuletzt auch mit seinem Privatleben: 2018 heiratete er - in fünfter Ehe - die 24 Jahre jüngere Südkoreanerin Kim So-yeon.

Als Schröder die Ära Bundeskanzler Helmut Kohls (CDU, 1982-1998) beendete, blickte er schon auf eine lange Karriere zurück. Der gebürtige Westfale hatte es geschafft, sich aus ärmsten Verhältnissen hochzuarbeiten. Seine Mutter war Putzfrau, sein Vater Hilfsarbeiter - er fiel als Soldat im Zweiten Weltkrieg. Schröder arbeitete als Bauarbeiter und kaufmännischer Angestellter, holte die Matura nach, studierte Jus und wurde Rechtsanwalt. Zugleich engagierte er sich bei den Jungsozialisten (Jusos), der SPD-Jugendorganisation.

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Schon damals zeichnete ihn ein unbändiger Machtwille aus. Einmal rüttelte er nachts nach einer Kneipentour in der damaligen westdeutschen Hauptstadt Bonn an den Gittern des Kanzleramtes und brüllte: „Ich will da rein!“. Er sollte es schaffen.

1980 zog Schröder in den Bundestag ein. Zehn Jahre später gewann er als SPD-Spitzenmann die Landtagswahl in Niedersachsen und wurde Ministerpräsident im flächenmäßig zweitgrößten deutschen Bundesland. Nach seinem dritten Wahlsieg in Folge 1998 konnte ihm keiner unter den SPD-Granden die Kanzlerkandidatur mehr verwehren.

Mit 40,9 Prozent der Stimmen wurde die SPD 1998 stärkste Partei. Schröder bildete eine Koalition mit den Grünen, Joschka Fischer wurde Außenminister und Vizekanzler. Der Start von Rot-Grün war turbulent, SPD-Chef und Finanzminister Oskar Lafontaine warf im Streit um die richtige Wirtschaftspolitik das Handtuch. Schröder übernahm auch den Parteivorsitz, Lafontaine wechselte später zur Partei Die Linke.

Im Kosovo-Konflikt führte die Regierung die deutschen Streitkräfte 1999 in den ersten Kampfeinsatz seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Dann beschloss Rot-Grün den Ausstieg aus der Atomenergie. Dieser wurde unter Merkel Ende 2010 zwar aufgehoben, aber nur wenige Monate später - nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima - wieder in Kraft gesetzt. Die letzten deutschen Atomkraftwerke gehen in den nächsten drei Jahren vom Netz.

Außenpolitisch stand Schröder nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 an der Seite der USA und schickte die Bundeswehr nach Afghanistan. Einen Konflikt mit Präsident George W. Bush riskierte er mit seiner Opposition zum Irak-Krieg. Nach seiner Wiederwahl 2002 leitete Schröder die „Agenda 2010“-Reformen ein. Besonders umstritten ist bis heute das „Hartz-IV“-Gesetz, das Leistungskürzungen für viele Arbeitslose bedeutet.

Als der Widerstand in der SPD gegen Schröders Kurs anschwoll und Rot-Grün im Mai 2005 die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen verlor, suchte der Kanzler die Flucht nach vorne und zog die Bundestagswahl um ein Jahr vor. In einem fulminanten Wahlkampf gelang es ihm, den Rückstand in den Meinungsumfragen fast wettzumachen. Am Wahlabend am 18. September 2005 lag die SPD nur noch einen Prozentpunkt hinter der CDU/CSU. Zunächst widerstrebend ging sie als Juniorpartner in eine Große Koalition unter Merkel.

Schröder sagte der aktiven Politik Lebewohl und wurde Aufsichtsratschef der russisch-deutschen Betreibergesellschaft NEGP für die Ostsee-Gaspipeline. Sein Verhältnis zu Russland war schon vorher gut, Kremlchef Putin stufte er einmal als „lupenreinen Demokraten“ ein. Der SPD bekam die Zeit in der „GroKo“ unter Merkel nicht, 2009 fiel sie auf 23,0 Prozent und 2017 gar auf 20,5 Prozent. Aktuelle Meinungsumfragen sehen sie bei 15 bis 18 Prozent.

Schröder tat sich zuletzt mit beißender Kritik an seiner Partei hervor und sprach SPD-Chefin Andrea Nahles die Wirtschaftskompetenz ab. Sein einstiger Weggefährte Franz Müntefering hingegen teilte gegen Lafontaine aus. Dieser habe durch seine Allianz mit den ostdeutschen Postkommunisten 2005 „sehenden Auges die linke Mitte ausgebremst“, sagte er in einem Podcast. „Wir hätten mit Gerhard Schröder gut zehn Jahre weiterregieren können“, glaubt Müntefering.




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