Letztes Update am Mo, 01.04.2019 14:36

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Komiker Selenskyj - „Ich bin ein Clown, und ich bin stolz darauf“



Kiew (APA/AFP) - Gelernter Jurist, erfolgreicher Komiker und schon bald möglicherweise Präsident der Ukraine: Wolodymyr Selenskyj gilt nach der ersten Wahlrunde am Sonntag als chancenreichster Anwärter auf das Präsidentenamt in der Ukraine. 45 Millionen Menschen in einem der ärmsten Länder Europas werden damit möglicherweise bald von einem Mann regiert, der über sich selbst sagt: „Ich bin ein Clown, und ich bin stolz darauf.“

In der Fernsehserie „Diener des Volkes“ spielt der 41-Jährige einen Lehrer, der unverhofft zum Präsidenten wird. Selenskyj stammt aus der Industriestadt Krywy Rig, hat Jus studiert und ist Vater von zwei Kindern.

Wie die beiden politischen Schwergewichte Petro Poroschenko und Julia Timoschenko steht auch er für eine prowestliche Orientierung der Ukraine. „Nein, ich habe keine Erfahrung“, räumte er in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP ein. Er habe aber ausreichend Kraft und Energie und lerne bereits für seine mögliche neue Aufgabe: „Schließlich will ich nicht wie ein Idiot aussehen.“

Seine Kandidatur hatte Selenskyj medienwirksam am Silvesterabend bekanntgegeben: Ein privater Fernsehsender strahlte die Ankündigung anstelle der Neujahrsansprache von Präsident Petro Poroschenko aus. Das brachte Selenskyj den Vorwurf ein, er habe nicht genügend Respekt vor dem Staat.

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„Als ich meine Kandidatur bekanntgegeben habe, haben sie mich als Clown bezeichnet“, sagte Selenskyj später in einem seiner zahlreichen Facebook-Videos. Und darauf sei er stolz. Soziale Medien waren ein wichtiger Bestandteil von Selenskyjs Wahlkampf. Auf öffentliche Auftritte oder Interviews verzichtete er dagegen weitgehend.

Angesichts kritischer Stimmen, die ihm mangelnden inhaltlichen Tiefgang vorwarfen, hatte der Komiker in den Wochen vor der Wahl zunehmend auf Treffen hinter den Kulissen mit Juristen, Diplomaten und Geschäftsleuten gesetzt. Dabei hinterließ er aber einen durchwachsenen Eindruck.

Ein westlicher Diplomat sagte AFP, Selenskyj sei „zu allgemein“ und habe „keine konkreten Ideen“. Für einen Präsidentschaftskandidaten sei dies ein „furchterregender“ Befund. Der Abgeordnete und Journalist Sergej Leschtschenko sagte über Selenskyj, ihm fehle es an Wissen, er sei aber sehr lernwillig.

Ob das ausreicht, bezweifeln Kritiker angesichts der politischen Lage der Ukraine: Beim Konflikt mit prorussischen Separatisten im Osten des Landes starben in den vergangenen fünf Jahren mehr als 13.000 Menschen. Korruption ist bis in die höchsten politischen Kreise weit verbreitet.

Zu Selenskyjs Wahlversprechen gehörten daher der „Kampf für den Frieden in der Ukraine“ und ein „Sieg über die Korruption“. Außerdem will er regelmäßig Referenden zu politischen Themen abhalten. Details blieb er jedoch schuldig.

Zu allem Überfluss berichteten Fernsehjournalisten im Jänner, Selenskyj mache Geschäfte in Russland - ein Vorwurf, der angesichts der politischen Spannungen zwischen den beiden Ländern schwer wiegt. Selenskyj erklärte, an einer zypriotischen Firma beteiligt zu sein, der wiederum eine russische Firmengruppe gehöre.

Er kündigte an, seine Anteile zu verkaufen. Zudem wird Selenskyj vorgeworfen, hinter ihm stehe der umstrittene Geschäftsmann Ihor Kolomojskyj - ein Erzfeind von Präsident Poroschenko. Selensyj weist die Vorwürfe zurück.

Selenskyjs Anhänger ließen sich von seiner fehlenden Erfahrung nicht abschrecken. „Er wird ja nicht mit einer Kalaschnikow in der Hand durch Felder laufen müssen“, sagte kurz vor der Wahl der 42-jährige Andri, der zu einer Live-Show Selenskyjs in Kiew gekommen war. „Er muss ein Team bilden aus Generälen, Wirtschaftsexperten und Politikern und es leiten.“




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