Letztes Update am Di, 02.04.2019 11:25

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Heimweh als blauer Saal - Herta Müllers Wortcollagen vom Küchentisch



Berlin (APA/dpa) - Alles geht zurück auf einen Küchentisch. Das Hackbrett dort diente Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller als Unterlage für ihre Wörtersammlung. Daraus entstandene Sätze und Collagen hat die 65-Jährige nun im Band „Im Heimweh ist ein blauer Saal“ versammelt.

Es sind verdichtete, gedichtete Sätze, die sich auf Postkartengröße zu kleinen Geschichten entwickeln. An manchen Stellen arbeitet Müller auch mit einem Reim. Doch geht sie dabei nach eigenen Worten mit Bedacht vor: „Man darf ihn der Collage nicht ansehen.“

Bereits 2012 hat Müller ihre Wörtersammlung in „Vater telefoniert mit den Fliegen“ verarbeitet. Einen neuen Roman hat die Autorin seit ihrem gefeierten Werk „Atemschaukel“ 2009 und dem Literaturnobelpreis im selben Jahr nicht mehr vorgelegt.

„Sie hat Angst vor dem Schreibprozess“, sagt ihr früherer Mann, der Schriftsteller Richard Wagner, in einem der raren TV-Porträts, auf das sich Müller 2014 im Bayerischen Rundfunk einließ. Der Autor und langjährige Freund Ernest Wichner ergänzt: „Sie schreibt nur, wenn sie sich nicht mehr zu helfen weiß.“

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Nun also neue Wortcollagen. Die in Berlin lebende Müller erzählt die Geschichte dazu: Aus ihrer Heimat Rumänien kannte sie nur „nach Schmieröl stinkende Staatszeitungen“. Nach ihrem Wechsel in die Bundesrepublik schnitt sie aus Zeitungen und Magazinen Wörter und Fotos aus, klebte sie auf Karten und schickte sie an Freunde.

Die Sammlung wurde größer, bald reichten weder Hackbrett noch eigener Tisch für die Wörter in allen Farben und Formen - „ihre Unterschiedlichkeit macht die Texte sinnlich“. Der lexikalische Schatz landete in einem Schränkchen, wohlsortiert in Schubladen. „Manchmal glaube ich, dass auch sie in ihren Schubladen waren, wie ich an den Bahnhöfen.“

„Im Heimweh ist ein blauer Saal“ versammelt neben der fünfseitigen Einführung Müllers 117 dieser Wortcollagen, jeweils mit ebenfalls oft zusammengesetzten Bildern auf Postkartengröße komponiert. Es sind kaum mehr als zwei, drei, manchmal vier satzartige Gebilde, deren Konstruktionen meist ohne Satzzeichen nicht immer auf Anhieb zu erkennen sind. Manche der Wörter scheinen auch zu zwei Sätzen gehören zu wollen und verändern entsprechend den Sinn.

Einige Karten erinnern an geklebte Erpresserbriefe. Wieder andere an Puzzleteile, die zugeordnet werden wollen. Die Augen hangeln sich von Ausschnitt zu Ausschnitt. Nicht nur die Wörter tragen einen Sinn, auch Farben, Formen, Anordnung auf der Karte. Wo endet der Satz? Welches Wort nimmt einen neuen Strang auf? So sperren sich die Karten und ihre Wörter vor raschen Interpretationen, für Gedankenspiele und Assoziationen bleibt viel Raum zwischen den aufgeklebten Kombinationen. Müller selbst dazu: „Ich war verblüfft, weil einzelne Wörter eine ganze Geschichte erzählen können.“

Drei Beispiele: „Und an der Ecke gelingt der kleinen Straße die Kunst der Krümmung einer Kaffeetasse“. Nun, die rein textliche Wiedergabe der auf so vielen optischen Ebene wirkenden Konstruktionen ist selbst im besten Fall noch wenig befriedigend. „Es gab stille Sätze mit Pupille und müde mit Kaderschmiede die hölzernen Sätze fingen an mit einem Umgehungsplan“. Oder die Konstruktion mit dem Titel des Buchs: „Im Heimweh ist ein blauer Saal vor dem ich mich hüten muss der Sommer geht barfuß wenn du nicht fragst wohin weiß ichs genauer“.

Im Buch vermittelt die Optik weitere Eindrücke. Die geklebte Realität der Postkarten ist aktuell ebenfalls zu sehen: Das Zentrum für verfolgte Künste in Solingen, zu dessen Gründung Müller 1994 gemeinsam mit anderen Schriftstellern und Dichtern aufrief, zeigt noch bis zum 9. Juni 220 eine Auswahl von Müllers literarischen und visuellen Collagen im Original.

(S E R V I C E - Herta Müller: „Im Heimweh ist ein blauer Saal“, Carl Hanser Verlag, 128 Seiten, 22,70 Euro)




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