Letztes Update am Di, 02.04.2019 14:56

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Einradfahren für die Forschung: Lernprozess im Gehirn untersucht



Graz (APA) - Mit etwas Geschick können Erwachsene in rund einer Woche das Einradfahren gut erlernen - obwohl es eine immense Herausforderung für den Gleichgewichtssinn ist. Neuropsychologen der Universität Graz haben untersucht, was sich bei diesem Prozess in deren Gehirn verändert, teilte die Universität am Dienstag in ihrer Aussendung mit.

„Neuroplastizität“ nennen Gehirnforscher jene Fähigkeit des menschlichen Gehirns, sich - auch noch als erwachsener Mensch - an neue Herausforderungen anzupassen und damit den Erwerb von neuen Kompetenzen zu ermöglichen. Bernhard Weber und Karl Koschutnig untersuchten mit ihren Kollegen am Institut für Psychologie, welche Veränderungen sich am Gehirn bei einer herausfordernden Gleichgewichtsaufgabe feststellen lassen. Dazu ließen sie ihre 23 Probanden, die zuvor noch niemals auf Einrädern gesessen waren, insgesamt drei Wochen lang trainieren.

Wöchentlich wurde vier Stunden unter professioneller Anleitung Einrad gefahren. Vor dem Training, nach dem Ende des Einradkurses sowie nochmals fünf Wochen später machten die Forscher mittels Magnetresonanztomografie (MRT) strukturelle und funktionelle Bilder des Gehirns. Tatsächlich konnten signifikante Veränderungen sowohl in der grauen und der weißen Masse des Gehirns wie auch in der Dicke der Großhirnrinde festgestellt werden. Laut Koschutnig seien Veränderungen in Gehirnarealen und Netzwerken der motorischen Kontrolle, der räumlich-visuellen Aufmerksamkeit und der sensorischen Informationsverarbeitung deutlich geworden.

„Besonders überrascht waren wir, dass es während des Trainings in einem Bereich zu einer massiven Abnahme an grauer Masse kam“, schilderte Koschutnig. „Die Abnahme der grauen Masse kann als neuronale Effizienzsteigerung gedeutet werden. Das Gehirn hat etwas gelernt und braucht deshalb weniger Ressourcen. Die automatisierte Koordination und Gleichgewichtskontrolle werden besser und effizienter bewältigt“, lautete die Interpretation von Bernhard Weber. Für diese Erklärung spreche auch, dass die Abnahme umso größer war, je besser die jeweiligen Probanden das Einradfahren beherrschten. Fünf Wochen nach dem Training habe das Volumen an der gleichen Stelle jedoch wieder zugenommen.

Weitere Einsichten in die Neuroplastizität des Gehirns wollen die Forscher nun über weitere Untersuchungen gewinnen: Dann steht Slacklining am Programm, wie sie durchblicken ließen.

(S E R V I C E - Studie B. Weber, K. Koschutnig, A. Schwerdtfeger, M.Tilp & A. Fink et al. „Learning Unicycling Evokes Manifold Changes in Gray and White Matter Networks Related to Motor and Cognitive Functions“, Scientific Reports 9, 2019, http://go.apa.at/jtE9roEp )




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