Letztes Update am Do, 04.04.2019 09:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Seltene angeborene Immunschwäche über Datenbanken erforscht



Wien (APA) - Klinische Details einer genetisch bedingten seltenen Form einer Immunschwäche durch Antikörpermangel sind jetzt zum ersten Mal systematisch untersucht worden. Federführend beteiligt waren Wissenschafter der Wiener Immunologischen Tagesklinik.

Gemeinsam mit Experten aus sechs Staaten werteten die Ärzte anonymisierte Datensätze von mehr als 690 Patienten mit angeborener Immundefizienz aus Österreich und Großbritannien aus. Speziell suchten sie dabei nach Mutationen in den sogenannten Recombination Activating Genes (RAG). Diese Gene steuern über zwei Enzyme die Vielfalt von Rezeptoren von B- und T-Zellen, welche Antigene erkennen und eine Immunantwort gegen sie in Gang setzen.

Das internationale Team benützte zwei große anonymisierte Datensätze von Patienten, die an einer angeborenen Immundefizienz (PID - Primary Immunodeficiency) leiden. Einer der beiden Datensätze stammte dabei vom National Institute for Health Research „BioResource“ aus Großbritannien. Der zweite hatte seinen Ursprung in Österreich, wo viele PID-Patienten über die Immunologische Tagesklinik in Wien betreut werden. Deren Leiterin, Martha Eibl, wurde in einer Aussendung so zitiert: „Es gibt über 300 bekannte, verschiedene Formen der angeborenen Immunschwäche. Die genaue Diagnose der Ursachen ist entscheidend für eine effektive Therapie. Unsere jetzige Arbeit leistet genau dazu einen wesentlichen Beitrag.“

Insgesamt wurden so 692 Datensätze von antikörperdefizienten Patienten auf RAG-Mutationen hin untersucht. So konnten fünf neue Fälle erkannt und die Häufigkeit der Erkrankung bei PID-Patienten auf ein bis 1,9 Prozent geschätzt werden. Für Großbritannien, wo mehr als 3.000 PID-Patienten registriert sind, bedeutet dies, dass zwischen 30 und 60 Personen von RAG-Mutationen betroffen sein könnten, bei denen dies bisher noch nicht diagnostiziert wurde.

„Tatsächlich wirken sich RAG-Mutationen je nach ihrer Art für die individuellen Patienten sehr unterschiedlich aus. So zeigen einige Patienten bereits rasch nach der Geburt Symptome - andere leben über Jahrzehnte ohne klinische Auffälligkeiten“, meinte Eibl dazu.

Trotz - oder gerade wegen - dieser Vielfalt existierte bisher keine systematische Erhebung bei Patienten mit der Diagnose von Antikörperdefizienz, deren klinischen Symptomen und der RAG-Mutation. Genau das hat das internationale Forscher-Team nun nachgeholt und erstmals 15 Patientenfälle systematisch analysiert und beschrieben. Zahlreiche klinisch relevante Daten wurden dabei erhoben. So konnte gezeigt werden, dass mehr als 85 Prozent aller Betroffenen entzündliche Autoimmunerkrankungen entwickelten und dass bei mehr als 90 Prozent der Patienten Lungenerkrankungen auftraten und oftmals zum Tod führten, wobei Lungenentzündungen am häufigsten vorkamen.

Auch die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten wurden für die untersuchten Fälle analysiert, wobei einzelne Patienten zum Teil mit mehreren Methoden behandelt wurden. So wurde bei 93 Prozent der Patienten das Immunsystem durch eine Immunglobulin-Ersatztherapie gestärkt, 57 Prozent wurden prophylaktisch mit Antibiotika behandelt, 21 Prozent erhielten antivirale Medikamente, 14 Prozent anti-rheumatische Substanzen, die auf das Immunsystem wirkten. „Interessanterweise“, so Martha Eibl, „zeigte der statistische Vergleich der verschiedenen Behandlungsmethoden, dass es bei der Überlebensrate der Patienten keinen Unterschied gab.“




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