Letztes Update am Do, 04.04.2019 14:25

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Spritze gegen Volkskrankheit Migräne: Vielversprechende Prophylaxe



Wien (APA) - Jeder zehnte Mensch weltweit ist von Migräne betroffen. Geschätzte 6,8 Millionen Arbeitstage dürften in Österreich deswegen pro Jahr verloren gehen. Ein nicht unerheblicher Teil leidet selbst- oder untertherapiert im Stillen, obwohl mittlerweile wirksame Behandlungsmethoden wie eine neue Prophylaxe-Spritze zur Verfügung stehen, erläuterten Experten bei einem Presse-Workshop am Donnerstag in Wien.

Erste Erfahrungen mit dem neuen, zielgerichteten Ansatz mit monoklonalen CGRP-Antikörpern hätten sich bis dato als vielversprechend erwiesen, so die Mediziner. Seit einigen Monaten werden die neuen Wirkstoffe auch hierzulande verabreicht, das Feedback der Patienten sei meist positiv. Vor allem verzeichne man merklich weniger Migränetage pro Monat.

Auch wenn die typischen Symptome seit Tausenden Jahren beobachtet werden, fühlen sich viele Patienten nicht ernst genommen. „Migräne muss raus aus der psycho-somatischen Ecke“ , so Marion Vigl, Neurologin und Schmerztherapeutin im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien. Sie sprach von einer „vergessenen Epidemie“. Die Dunkelziffer dürfte enorm sein, lässt etwa die Prävalenz unter Neurologen - bis zu dreimal so hoch wie in der Durchschnittsbevölkerung - vermuten.

Pochende, pulsierende Kopfschmerzen, Übelkeit und/oder Erbrechen, starke Licht- und Geräuschempfindlichkeit: Migräne kann sich in vielerlei Symptomen manifestieren. Das „Gewitter im Kopf“ könne auch ganz ohne Schmerzen ablaufen, gelte unter Medizinern trotzdem als „komplexe, ernst zu nehmende neurologische Erkrankung“. Die Krankheit hat viele Gesichter, die Ursachen stehen nicht fest. - so unterscheidet man etwa zwischen Migräne mit und ohne Aura (typische Vorzeichen wie Seh- oder Wahrnehmungsstörungen), auch die Auslöser oder Verstärker sind meist sehr individuell. Eine genetische Disposition wird vermutet.

Für Betroffene bedeutet Migräne jedenfalls meist große Einschnitte in Sachen Lebensqualität, wie auch eine aktuelle Befragung von Migräne-Patienten in Österreich mit mindesten vier Migräne-Tagen pro Monat belegt. „Migräne ist eine Volks- und keine Zivilisationskrankheit.“ stellte Sonja Tesar, Vizepräsidentin der Österreichischen Kopfschmerzgesellschaft (ÖKSG) und Leiterin der Kopfschmerzambulanz am Klinikum Klagenfurt, klar. Zielgerichtete Therapien waren bis dato rar, die Entwicklung der monoklonalen CGRP-Antikörper für die Vorbeugung, die via Injektion verabreicht werden, nannte sie einen „Meilenstein“. Jedenfalls für einen Teil der Patienten. Das laut Hersteller Novartis chefarztpflichtige Medikament soll nicht nur die Anzahl der Migränetage reduzieren, sondern auch die Lebensqualität verbessern. Wichtig sei allerdings, dass Betroffene den Weg zum Neurologen finden.

Eine Heilung ist derzeit nicht möglich, die Lebensqualität kann aber in vielerlei Hinsicht erheblich verbessert werden. Migräne gilt bei den unter 50-Jährigen als einer der Top drei Gründe für ein Leben mit Einschränkungen. Drei von vier Befragten gaben an, unter Schlafproblemen zu leiden. Vier von fünf verbringen viel Zeit abgeschottet in Dunkelheit - 16 Stunden pro Monat im Durchschnitt. Fast allen Befragten (99 Prozent) wurden durch ihr Leiden mindestens einmal in ihren täglichen Aktivitäten beeinträchtigt. Bei mehr als der Hälfte ist das sehr häufig oder gar ständig der Fall. Für mehr als die Hälfte wirkt sie sich negativ auf das Familienleben und den Freundeskreis aus.

Frauen sind zwei- bis dreimal häufiger betroffen, besonders häufig tritt die Krankheit im Alter von 30 bis 39 Jahren auf. Die Experten empfahlen zusätzlich zur zielgerichteten medizinischen Versorgung eine ganzheitliche Betrachtung der Erkrankung inklusive Selbsthilfe-Maßnahmen wie etwa Stress- und Schlaf-Management. Ein Migräne-Tagebuch etwa kann individuelle Trigger identifizieren.

(S E R V I C E - Weiterführende Informationen unter www.migraene-service.at/)




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