Letztes Update am Fr, 05.04.2019 06:02

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Johan Simons inszeniert Büchners „Woyzeck“: „Ein so reicher Stoff...“



Wien (APA) - 30 Jahre nach der legendären Achim-Freyer-Inszenierung kommt „Woyzeck“ wieder an die Burg. Am Akademietheater inszeniert Büchner-Fan Johan Simons. Er habe auch „Dantons Tod“ und „Leonce und Lena“ inszeniert, sagt er, „aber ‚Woyzeck‘ inszeniere ich jetzt bereits zu dritten Mal. Es ist eines meiner Lieblingsstücke. ‚Woyzeck‘ ist ein so reicher Stoff, den kann man eigentlich jedes Jahr neu machen.“

Spielte 1989 Martin Schwab die Titelrolle, so ist es diesmal Steven Scharf. Der 2012/13 in der Kritikerumfrage von „Theater heute“ zum „Schauspieler des Jahres“ Gewählte, der jüngst in Simon Stones „Medea“ auf ganzer Linie überzeugte, ist damit zum vierten Mal in einer Burgtheater-Produktion zu sehen. „Es ist ein hochphilosophisches Stück. Es vermittelt einem mit großer Intensität das Gefühl des Fremdseins in der Welt, das Gefühl, dass das Leben an einem vorbeifährt“, meint Scharf. „Das Sozialrevolutionäre des frühen Büchner ist da stark spürbar.“ Steven Scharf sei prädestiniert für diese Rolle, ist sich Simons sicher. „Ich wüsste gegenwärtig keinen anderen dafür. Das Proletarische an Woyzeck ist bei Steven gut aufgehoben. Er ist ein fantastischer Spieler. Er ist des Woyzeck würdig.“

Sieben Produktionen haben der 1946 geborene niederländische Regisseur und der 1975 geborene Lehrersohn aus einem Dorf in Thüringen, der als Kind in der DDR aufwuchs („Diese Erinnerung ist präsent und prägend in jeder Arbeit.“), bereits miteinander erarbeitet, darunter jenen furiosen „Judas“-Monolog, der Scharf 2013 den Gertrud-Eysoldt-Ring eintrug. Er besteche dabei durch „seine unmittelbare Präsenz und seine gewinnende Eindringlichkeit“, hieß es damals in der Begründung. Seinen Judas spielte er nackt und mit dem Rücken zum Publikum. Ein Außenseiter, unverstanden, geächtet, auf der Suche nach der eigenen Wahrheit. „Auch diesmal geht es darum, eine Geschichte mit Fremdheit auszustatten, nicht um jeden Preis verstanden werden zu wollen“, zieht Scharf im Gespräch mit der APA eine Parallele.

Der Soldat Franz Woyzeck ist ein Getriebener, aber auch ein Liebender. Er spart seinen Sold, so gut er kann, und verdient sich durch die Teilnahme an medizinischen Experimenten ein Zubrot, mit dem er ebenfalls seine Lebensgefährtin Marie (gespielt von Anna Drexler), und ihr gemeinsames Kind unterstützt.

Das Geschehen lässt Simons, der bei seinem Burgtheater-Debüt mit „Der Radetzkymarsch“ große, bunte Ballons nicht nur über die Bühne rollen, sondern sie sogar durch den Zuschauerraum schweben ließ, in einer Zirkus-Arena spielen. „Büchner stellt in der dritten Szene selbst eine Art Zirkus auf die Bühne - mit einem Ausrufer, der etwa ein ‚astronomisches Pferd‘ vorführt und es Kunststücke machen lässt“, erklärt Simons, der in der eskalierenden Eifersuchtstragödie auch das voyeuristische, sensationslüsterne Element hervorheben will: „Woyzeck ist dann wie ein Gladiator in der Arena: Man ist Zeuge, wie er zugrunde geht.“

„Woyzeck“ kommt als Koproduktion mit dem Schauspielhaus Bochum heraus, das Johan Simons, der ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele und der Ruhrtriennale, seit Saisonbeginn leitet. Er sei mit dem Start durchaus zufrieden, sagt Simons: „Ich glaube, dass ich sagen darf, dass wir sehr gut wahrgenommen werden von der Presse. Aber es ist schon ein hartes Pflaster. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In München habe ich Lesemarathons organisiert. Dort sagten die Leute: Oh, wie schön, es wird was gelesen - und dann gleich ein Marathon. Da kommen wir! In Bochum sagen die Leute: Oh Gott, es wird was gelesen - und dann nach dazu ein Marathon. Bloß nicht!“, lacht der Regisseur. „Es ist also noch nicht alles gelaufen. Aber ich bin auf meinem Weg und werde weiter kämpfen. Das Publikum zu überzeugen, kostet eben Zeit, es kostet Geduld - ausgerechnet das, was ein Theaterdirektor am wenigsten hat.“

(S E R V I C E - „Woyzeck“ von Georg Büchner, Regie: Johan Simons, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Greta Goiris, Musik: Warre Simons. Mit: Steven Scharf - Woyzeck, Anna Drexler - Marie, Falk Rockstroh - Doctor, Guy Clemens - Tambourmajor, Daniel Jesch - Hauptmann/Gerichtsdiener, Martin Vischer - Großmutter/Käthe. Koproduktion mit dem Schauspielhaus Bochum. Premiere am 10. April, 19.30 Uhr, im Akademietheater, Nächte Vorstellungen: 13., 15., 24., 28.4., Karten: 01 / 513 1 513, www.burgtheater.at)

(B I L D A V I S O – Pressebilder werden heute Nachmittag nach der Fotoprobe zur Verfügung stehen.)




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