Letztes Update am Fr, 12.04.2019 06:32

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Verhandlungsgruppe der Wiener Polizei feiert 30-jähriges Jubiläum



Wien (APA) - Seit 30 Jahren gibt es die Verhandlungsgruppe der Wiener Polizei. Die speziell ausgebildeten Beamten sind Ansprechpartner für Täter bei Geiselnahmen, Entführungen, Fälle von Erpressung, Suizidversuchen. Österreichweit gibt es rund 100 Verhandler, in der Bundeshauptstadt sind es 24. Drei weitere werden noch heuer ausgebildet. Am Donnerstag wurde die Verhandlungsgruppe Wien geehrt.

Sie sind hauptsächlich Ermittler des Landeskriminalamtes, geleitet wird die Gruppe von Oberst Gerhard Winkler. Polizeipräsident Gerhard Pürstl bedankte sich bei dem Festakt bei den 24 Beamten in Wien. Präsentiert wurden auch die spektakulärsten Fälle und Übungen der Wiener Verhandlungsgruppe.

Österreichweit absolvieren die Verhandler, darunter sind auch Frauen, jährlich rund 100 Einsätze. „Diese dauern zwischen wenigen Stunden - etwa bei einer Geiselnahme oder wenn Menschen von Suizidversuchen abgehalten werden - bis hin zur langfristigen Betreuung von Angehörigen“, sagte Winkler im Gespräch mit der APA. Letzteres war etwa bei der Entführung eines Österreichers in Libyen der Fall, hier wurden die Angehörigen drei Jahre lang betreut.

Die Beamten der Verhandlungsgruppe zeichnen sich durch „Empathiefähigkeit, Eloquenz, Sprachgewandtheit und hohe Einsatzbereitschaft aus“, berichtete der Leiter. 1989 entstanden in Österreich die ersten Verhandlungsgruppen, nachdem Entführungen, Geiselnahmen oder auch Erpressungen stiegen. Einsätze mit Tätern gliedern sich in zwei Phasen. In der ersten geht es darum, die Lage zu stabilisieren, Emotionen rauszunehmen, den Täter zu beruhigen. Der zweite Schritt ziele darauf ab, „die Lage unblutig durch Verhandlungsführung zu lösen“, sagte der Experte. Erfolgreich sei ein Einsatz, „wenn wir durch unsere Gesprächsführung einen Täter zur Aufgabe bringen können“, betonte Winkler.

In den Fokus der Öffentlichkeit rücken die Spezialisten bei Großeinsätzen. Im Vorjahr waren sie etwa in Wien gefordert, als im Juni ein Straftäter in Hernals auf das Dach einer Wohnhausanlage geflüchtet war. Er hatte Dachziegel geworfen und zwei Einsatzkräfte verletzt. Der mit drei Messern bewaffnete Mann wurde nach sieben Stunden festgenommen. Nach zwei vergebliche Zugriffsversuchen setzte die Polizei einen Taser ein, um ihn zu überwältigen.

Weitere spektakuläre Einsätze waren etwa die Geiselnahme 2007 in einer Bawag-Filiale auf der Mariahilfer Straße. Dabei handelte es sich laut Winkler um einen „A-typischen Überfall“. Denn der Täter stellte - bis auf Zigaretten und Getränke - keine Forderungen und machte auch keine Beute. „Er befand sich in einer Lebenskrise, hat die Nacht zuvor durchgezecht“, erinnerte sich Winkler. All das waren „High-Risk-Faktoren“. Der damals 40-jährige Mann hielt sechs Bankangestellte mit einer täuschend echt aussehenden Pistolenattrappe stundenlang in Schach, eher er sich einem Großaufgebot der Polizei ergab. Dem Täter ging es darum, auf seine Situation aufmerksam zu machen. Er habe in der Bank „Hilfe gesucht“ und „mit jemandem reden wollen“, sagte er später vor Gericht. Er wurde schließlich zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Solche Fälle seien immer „ein Balance-Akt zwischen Geben und Nehmen. Es können nicht alle Forderungen erfüllt werden“, sagte Winkler. Prinzipiell müsse bei Geiselnahmen immer „eine Vertrauensbasis hergestellt werden“. Dafür erhalten die Beamten der Verhandlungsgruppe eine vierwöchige Grundausbildung. Sie werden dabei unter anderem von Psychologen, Verhandlungsgruppenleitern und erfahrenen Kollegen geschult. Das Hauptaufgabenmerk liege auf der praktischen Sprechausbildung, betonte Verhandlungsgruppen-Leiter Winkler. Nach bestandener Grundausbildung folgen regelmäßige Fortbildungen und Übungen.




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