Letztes Update am So, 14.04.2019 05:04

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Sunniten gegen Schiiten - Wie ein Glaubenskrieg konstruiert wird



Wien (APA) - Der innerislamische Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten rückt in der Berichterstattung in jüngster Zeit immer mehr in den Vordergrund. Oft geraten dadurch aber sozioökonomische und politische Ursachen für die Kriege im Nahen Osten, sei es in Syrien, dem Irak oder Jemen, in den Hintergrund. Dies zeigt Tyma Kraitt in ihrem Buch „Sunniten gegen Schiiten - Zur Konstruktion eines Glaubenskrieges“.

Kraitt, die in Bagdad geboren wurde und seit ihrer frühen Kindheit in Österreich lebt, beleuchtet zunächst die historischen Grundlagen des islamischen Schismas. Schon in seiner frühen Zeit habe es nicht den „einen Islam“ gegeben, konstatiert die Autorin. Schon gar nicht treffe dies aber auf die jetzige Situation in der muslimischen Welt zu.

Deutungsversuche, wonach der Grund für die Instabilität der arabischen Welt, darin begründet seien, dass Religionsstifter Mohammed seine Nachfolge nie geregelt habe, weist Kraitt zurück. Dies reduziere die Menschen nur auf ihre religiöse Identität und vernachlässige andere entscheidende Aspekte sozioökonomischer und politischer Natur. Auch werde das koloniale Erbe Frankreichs und Großbritanniens, die durch das Sykes-Picot-Abkommen den Nahen Osten unter sich aufteilten, völlig außer Acht gelassen.

In der Folge zeigt die Autorin sehr gut wie sich die einzelne Länder unterschiedlich entwickelten. Wie sich etwa im Irak, wo die Sunniten im 19. Jahrhundert noch die Mehrheit stellten, die Demografie allmählich zugunsten der Schiiten änderte. Die Sunniten, auf die sich die Briten stützten, und die im Prinzip aber dennoch bis zum Sturz von Sadam Hussein an der Macht blieben, auch weil die Schiiten an internen Widersprüchen scheiterten.

Oder wie die einmalige religiöse Vielfalt des Libanon immer wieder von fremden Mächten genutzt worden sei. So werde der Konflikt zwischen Christen und Muslimen mittlerweile von dem zwischen Sunniten und Schiiten überlagert, auch weil sich die Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran zunehmend einmischen, schreibt Kraitt.

Ein großes Thema in dem Buch ist auch der Entwicklung des Islamismus gewidmet, einer Bewegung welche die Religion als Maßstab und Regulator für einen gesellschaftlichen Idealzustand sieht und oft auch als „politischer Islam“ bezeichnet wird. So wird die Geschichte der sunnitischen Muslimbruderschaft in Ägypten, die über Ableger in der ganzen Region verfügt, genau analysiert.

Ebenso wird dem Aufstieg des politischen Schiismus im Iran breiter Raum eingeräumt. Dieser fand seinen Ausdruck in der Islamischen Revolution von 1979 und beeinflusste auch die Entwicklungen etwa im Libanon, Syrien oder im Jemen.

Interessant schildert Kraitt die Unterschiede zwischen dem Wahhabismus, der in Saudi-Arabien vorherrschenden strikten Auslegung der sunnitischen Rechtsschule des Hanbalismus, und dem Salafismus, einer Bewegung die alle vier sunnitischen Rechtsschulen ablehnt und eigentlich eine apolitische Bewegung ist, die zurück zu den angeblichen Wurzeln des Islam strebt.

Auch dem Problem der Radikalisierung junger Muslime in Europa, die dann als „Gotteskrieger“ etwa nach Syrien zogen, widmet sich Kraitt. Hier zitiert sie etwa den Politikwissenschafter Oliver Roy, der im Jihadismus mit seinen Terroranschlägen „keine Folge der Radikalisierung des Islam, sondern der Islamisierung der Radikalität“ sieht. Diese Leute seien radikal, weil sie radikal sein wollten, Al-Kaida und der Islamische Staat böten ihnen dafür einfach die Möglichkeit, analysiert Kraitt.

Alles in allem gibt das Buch einen guten Einblick in die zwei großen Strömungen des Islam und die Faktoren, die zu einem Auflammen des alten Religionskonflikts in jüngster Zeit führten. Gerade die detaillierte Beschreibung der Situation in den einzelnen Ländern der Region macht dieses Werk für alle, die mehr über die Hintergründe der Politik im Nahen Osten wissen wollen, zu einer spannenden Lektüre.

(Tyma Kraitt: „Sunniten gegen Schiiten - Zur Konstruktion eines Glaubenskrieges“, Promedia, 232 Seiten, 19,90 Euro)




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