Letztes Update am So, 14.04.2019 11:31

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Powder her Face“: Thomas Ades‘ „Blowjoper“ im Wiener Kasino



Wien (APA) - Es passiert nicht oft, dass eine Operninszenierung eine Altersfreigabe ab 16 Jahren hat. Beim Thomas Ades‘ Debütwerk „Powder her Face“ ist dieses Schutzalter aber durchaus angebracht. Am Samstag feierte die erotische Kammeroper im Rahmen der Volksoper im Kasino umjubelte Premiere. 16 Musiker, 8 Szenen, 4 Sänger, 2 Akte und unzählige Geschlechtsakte - so lässt sich die Oper zusammenfassen.

Hinzu kommt noch ein in Wien leidlich verhuschter Blowjob - ein Umstand, der seit der Uraufführung 1995 das Werk gleichsam als Qualitätssiegel der Operngeschichte begleitet: Die erste Fellatio auf offener Bühne. Dabei steckt in „Powder her Face“ durchaus mehr als nur das Glied eines Hotelpagen im Mund der Protagonistin.

So haben sich der damals erst 24-jährige Komponist Ades und sein Librettist Philip Hensher für ihre in assoziative Szenen gegliederte Oper vom Leben der in Großbritannien legendären Duchess of Argyll inspirieren lassen, die spätestens durch ihren schmutzigen Scheidungsprozess samt detaillierter Ausbreitung des überaus virilen Sexuallebens 1963 Bekanntheit erlangte. Die beiden haben aus diesem Stoff eine Gesellschaftssatire auf Dekadenz und Amoral sowie ein reiches Leben ohne Ziel und Sinn geschaffen.

Und dieses von Zynismus und Sex geradezu dampfende Stück beschert der Volksoper bei ihrer dritten Produktion im Kasino am Schwarzenbergplatz wieder einen Erfolg. Nach Manfred Trojahns „Limonen aus Sizilien“ und Gavin Bryars „Marilyn Forever“ nun also das Frühwerk im bis dato überschaubaren musiktheatralen Schaffen von Thomas Ades, der sich nicht zuletzt zum Liebling der österreichischen Klassiklandschaft gemausert hat. So feierte sein „Tempest“ 2015 an der Wiener Staatsoper Premiere, sein „Exterminating Angel“ 2016 Uraufführung bei den Salzburger Festspielen.

Ades hat eine wilde Mischung aus Songs, Tänzen, Zitaten und symphonischen Arrangements geschaffen, die einerseits den Persiflage-Charakter des Librettos unterstützen, andererseits aber dennoch eine Einheit bilden. Saxofone, Klingeln oder Ziehharmonika bilden mit einer klassischeren Orchesterbesetzung den durchaus zugänglichen Klangraum als Behausung eines menschlichen Abgrunds.

Auch Regisseur Martin G. Berger erzielt mit einfachen Mitteln große Wirkung, wenn er auf die Hampelmann-Spielfigur eines Richters mittels Liveprojektion das Gesicht eines Akteurs platziert oder aus wenigen Requisiten ganze Räume baut. Dient anfangs ein Laufsteg, in dessen Mitte das Orchester platziert ist, als Auftrittsort für die Schönen, Reichen und Sexbesessenen, erweitert sich der Radius im 2. Akt. Die Welt der gealterten Herzogin verliert an Halt und Form. Zugleich fügt Berger mit dezidiert queer gehaltenen, stummen Figuren der scheinbar so heterosexuellen Welt eine gewisse Camp-Ästhetik hinzu, deutet das Leben der Herzogin als Parabel auf den Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit einer nicht nach ihren Vorstellungen ablaufenden Sexualität.

Dieses durch die Jahrzehnte springende, symbolistische Spiel in großer Personage erfordert vom nur vierköpfigen Ensemble vollen Körpereinsatz - in jeder Hinsicht. Wer nicht singt, kopuliert im Hintergrund. Die Rollen wechseln im Stakkato. Die Stimmlagen ebenso. Dass Ursula Pfitzner als stimmgewaltige Duchess hier noch die Luft bewahrt, überrascht ebenso wie der Umstand, dass Morgane Heyse ihren Koloratursopran und David Sitka seinen Tenor im Reigen der Rollen- und Partnerwechsel zielsicher führen. Und Routinier Bart Driessen schafft es gar, einen Blutsturz im Genitalbereich mit einer Arie zu verbinden. Am Ende ist es eben doch der Mensch, der zählt.

(S E R V I C E - Volksopernproduktion „Powder her Face“ von Thomas Ades im Kasino, Schwarzenbergplatz 1, 1010 Wien. Dirigent: Wolfram-Maria Märtig, Regie: Martin G. Berger, Bühnenbild: Sarah-Katharina Karl, Kostüme: Alexander Djurkov Hotter. Mit Ursula Pfitzner - Duchess, Morgane Heyse - Maid, David Sitka - Electrician, Bart Driessen - Hotel Manager. Weitere Aufführungen am 14., 16., 17., 20,. 22., 24., 25., 27. und 28. April. www.volksoper.at/produktion/powder-her-face-2019.de.html)




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